In Kasan wurden die Federn in der Nacht rasch ausgebessert. Am 24. Juli 9 Uhr vormittags konnten wir Kasan mit der vollständig reparierten Maschine verlassen. Wir fuhren unter den drohenden Mauern des Kremls hin, jener alten tatarischen Zitadelle, die eine der grausigsten Geschichten von Feuer und Schwert gesehen hat: die von Machmet Amin befohlene Niedermetzelung der Christen, die von Iwan IV. befohlene Niedermetzelung der Tataren, die von dem meuterischen Kosaken Pugatschew befohlene Niedermetzelung der Adligen, und viermal die Plünderung und Zerstörung der Stadt. Wir gelangten in die entlegenere arbeitsame Admiralitätsvorstadt und von dort an den Wolgahafen.

Der große Strom, der größte Europas, lag breit, majestätisch, langsam und stolz vor uns. Er wimmelte von großen Dampfern, die bis zum Kaspischen Meere fahren, von Fähren, von Schleppdampfern, von Personendampfern. Die bevorstehende Messe von Nischnij-Nowgorod war die Ursache dieses Gedränges. Die Wolga ist einer der gewaltigsten Verkehrswege der Welt; sie verbindet Persien, den Kaukasus und Turkestan mit dem Herzen Rußlands. Die mannigfaltigsten Volksstämme bewegten sich an den Ufern zwischen den Ladeplätzen: wir sahen Tataren, Armenier, Zirkassier und Kirgisen unter russischen Bauern.

Auf einem der Trajektboote setzten wir über, auf einem wirklichen und wahrhaftigen Dampfschiff, das uns gewaltig erschien wie ein transatlantischer Dampfer.

Rasch fuhren wir davon über Hügel, von denen aus wir den unvergeßlichen Anblick Kasans genossen, der blendendweißen Stadt, über die sich die funkelnden Kuppeln der Kathedrale der Verkündigung Mariä erheben. Neben diesen Kuppeln erblickten wir — ein seltsamer Gegensatz in Gestalt und Erinnerungen — den alten tatarischen Sumbekaturm, der seinen Namen von einer tatarischen Prinzessin hat, die nach einer poetischen Sage sich, als die belagerte Stadt den Angriffen der siegreichen Slawen unterlag, von der höchsten Spitze hinunterstürzte, um mit dem Vaterlande zu sterben.

In der Unterstadt, die mit ihren kleinen, von Gärten umgebenen Häusern noch jetzt ganz tatarisch ist, erheben sich Minaretts. Am Flusse eröffnete sich ein seltsames Panorama runder Gebäude, der Riesenbehälter für das Petroleum, das die Schiffe aus Baku die Wolga herauf bringen. Kasan ist einer der größten Petroleumstapelplätze der Welt. Dann entfernte sich alles, zerstreute sich, verschwand hinter dem Gipfel eines Hügels. Wir befanden uns wieder in der Einsamkeit der Felder.

Wir fuhren auf verlassenen, kaum erkennbaren, von Gras überwachsenen Pfaden und waren genötigt, uns mit der allerbescheidensten Geschwindigkeit zu begnügen.

Sibirien schien zurückgekehrt zu sein! Stellenweise hatten Wasserfluten die Straße in einen tiefen Abgrund verwandelt. Es kam vor, daß wir wie in der Mongolei die Richtung verloren. Wir kamen an eine Stelle, wo jede Spur einer Straße oder eines Pfades verschwunden war und wir nicht mehr nach dem richtigen Wege, sondern nach einem Manne suchen mußten, der uns als Führer dienen könnte. Karten und Kompaß waren zu Rate gezogen worden, das Ende vom Liede aber war, daß wir uns vor unübersteiglichen Hindernissen befanden. Ein Bauer erklärte sich bereit, auf das Automobil zu steigen und uns zu führen. Nachdem wir etwa 10 Kilometer zurückgelegt hatten, kamen wir auf einen morastigen Weg, an dem sich die Telegraphenleitung hinzog.

„Folgen Sie nur der Telegraphenleitung!“ sagte er und verabschiedete sich.

Es war lange her, daß wir uns von der unabsehbaren Reihe von Telegraphenstangen hatten leiten lassen. Und jetzt näherten wir uns Moskau? Der ganze Landverkehr wickelt sich dort draußen nur im Winter ab: wenn der Schnee das Gelände so wunderbar ebnet, daß die Schlitten pfeilschnell darüber hinweggleiten. Es hat also keinen Zweck, kostspielige Straßen zu unterhalten. Im Sommer sind die Flüsse für den Verkehr da. In den Zeiten vor der Dampfschiffahrt existierte hier eine prächtige Straße, von der sich jetzt kaum noch Spuren vorfinden.