Dampfschiff auf der Wolga.
Gegen 1 Uhr passierten wir langsam ein kleines Dorf, als das Automobil auf einem mit Gras überwachsenen Platze, der stets die weißen Kirchen der russischen Dörfer umgibt, ein an eine leere Telega gespanntes Pferd zum Scheuen brachte. Das Pferd ging durch; ein Knabe von ungefähr zehn Jahren, der von der Telega abgestiegen war, wollte das Pferd aufhalten, ergriff die lange Zugleine, die hinter dem Wagen herschleifte, und versuchte an ihr zu ziehen. Unglücklicherweise schlang sie sich um eins seiner Beine, und er fiel zu Boden. Wir stießen einen Schreckensruf aus. Schon sahen wir im Geiste den Knaben an einem Beine geschleift und auf grausige Weise ums Leben gekommen. Allein wir hatten nicht an die Weite der russischen Stiefel gedacht; kaum war der Knabe hingefallen, so bewirkte die um sein Bein geschlungene Leine nur, daß der Stiefel ausgezogen wurde; der Knabe selbst blieb heil und unverletzt.
Auf dem Dampfer.
Der Unfall erregte aber den Zorn der Bevölkerung gegen uns. Sofort bildete sich eine dichte Gruppe von Bauern, die, unsere langsame Fahrt ausnutzend, uns verfolgten. Zu ihnen gesellten sich andere. Sie bewaffneten sich mit Steinen und gingen schreiend und johlend zum Angriff über, indem sie uns in drohendem Tone „Halt!“ zuriefen.
Das Durchgehen der Telega allein konnte eine solche Empörung nicht erklären. Selbst ein russischer Bauer war imstande zu begreifen, daß wir keine Schuld hatten. Erst einige Tage später, in Moskau, erhielten wir Aufklärung über jene Wut und über die verbissene Feindseligkeit, die uns in so vielen Ortschaften des russischen flachen Landes entgegengetreten war. Das Automobil war verschiedentlich von Revolutionären benutzt worden, um Proklamationen umstürzlerischen Inhalts zu verbreiten. Sicher ist, daß sich in vielen russischen Ortschaften die Ansicht gebildet hatte, die Automobile seien Fahrzeuge der Feinde der Religion und des Zaren! Das Durchgehen eines Pferdes wurde für uns die Veranlassung zum Ausbruch eines lange vorher bestehenden Volkshasses.
Die Verfolger schienen nicht geneigt, uns entkommen zu lassen. Die Straße unterstützte sie bis zu einem gewissen Grade. Wir kamen an einen jähen Abhang voller Furchen und Löcher. Wir mußten bremsen und langsamer fahren, um die Maschine nicht zu beschädigen. Die Bauern wurden von einem blonden jungen Manne in roter Bluse angeführt, der den andern vorauslief und ihnen etwas zubrüllte, um ihnen Mut zu machen. Die Entfernung verkürzte sich zusehends. Schon kamen Steine geflogen. Noch wenige Sekunden, und wir wären eingeholt worden. Da entschloß ich mich zu einer Handbewegung, die der Verfolgung sofort ein Ende machte. Es war eine sehr einfache Bewegung mit der ausgestreckten rechten Hand, eine langsame Bewegung, während ich mich auf die Füße erhob und mich der Menge zuwandte. Diese blieb mit einem Male stehen, verstummte, wich zurück und ließ uns unbelästigt weiterfahren! Ich muß allerdings hinzufügen, daß ich bei dieser Handbewegung den Kolben der geladenen Mauserpistole, die ich schußbereit gesenkt hatte, umklammert hielt.
Bald darauf versanken wir im Morast in der Nähe des kleinen Simylskajaflusses. Mit Hilfe dreier Muschiks, die gerade vorbeikamen, machten wir uns in einstündiger Arbeit wieder frei. Dann überschritten wir den Fluß auf einer alten Brücke, ließen das malerische Städtchen Woronowka zur Linken liegen, und weiter ging es auf unsicheren und gefahrvollen Straßen. Von Westen her zog ein schwarzes Unwetter herauf, das uns erreichte, als wir uns in einem großen Walde von Eichen und Buchen befanden, und das uns die Freude verdarb, vertraute Bäume wiederzusehen. Wir hatten die Tannen und Birken satt. Die Tannen sind gewiß sehr schöne Bäume; mit ihren schwarzen, an den Turm einer Kathedrale erinnernden Spitzen weisen sie eine gewisse architektonische Strenge auf. Aber auf die Dauer werden sie langweilig wie ein Wald von geschlossenen Schirmen. Die Eichen aber fanden wir geradezu wundervoll; sie sind eine ungezwungenere, mannigfaltigere, vertraulichere Erscheinung; es war, als winkten sie uns mit ihren vom Winde bewegten knorrigen, unregelmäßigen Ästen; es waren die Bäume unserer Heimat.