„Es fragt an, ob die Worte von oben nach unten, eins unter dem andern, gelesen werden oder wagerecht von links nach rechts.“
Ich war wie vom Donner gerührt: ich sank auf einen Stuhl und sagte mit kraftloser Stimme.
„Ich habe nicht chinesisch telegraphiert. Ebensowenig japanisch. Ich schwöre es Ihnen. Ich habe in einer europäischen Sprache geschrieben. Nur das Chinesische und Japanische schreibt man von oben nach unten. Und man liest es von oben nach unten. Und man telegraphiert es von oben nach unten!“
„Sehr schön, sehr schön. Ich telephoniere sofort. Also von links nach rechts?“
„Wenn sie es aber doch schon abgeschickt haben? Wie haben sie es denn abgeschickt? Wie?“
„Von oben nach unten, Herr!“ —
Um 10 Uhr vormittags setzten wir unsere Fahrt fort. Unser graues schmutziges Automobil hatte man hier liebenswürdigerweise mit Blumen geschmückt. Wir überschritten die Oka auf der „Meßbrücke“, der herrlichen Holzbrücke, die Nischnij-Nowgorod mit dem Meßplatze verbindet, auf dem die „Jarmarka“, die berühmte Messe, abgehalten wird, die am 27. Juli beginnt. Die Eröffnung sollte am übernächsten Tage stattfinden. Der Platz war zum Empfang von 400 000 Fremden, die alljährlich hierherkommen, hergerichtet.
Berge von Waren türmten sich am Ufer auf, von einem bunten Gewirr von Flaggen überragt. Riesige, an den Ufern verankerte Barken trugen provisorische Gebäude, Cafés und buntfarbige, mit Laubgehängen geschmückte schwimmende Gastwirtschaften, ein Theater, Räumlichkeiten, wohin sich die Meßbesucher begeben, um zu rauchen, da das Rauchen in den Straßen der Jarmarka verboten ist. Auf dem linken Ufer der Oka fuhren wir über den ganzen weiten Meßplatz mit seinen 6000 Magazinen, seinen Geschäften, seinen Märkten, eine ganze zweite Stadt, die zehn Monate lang ausgestorben ist und von deren geräuschvollem Erwachen wir jetzt Augenzeugen waren. Ihre seltsamen Bewohner ließen die Arbeit liegen, um sich zu versammeln, wo wir fuhren. Alles gibt es auf der Messe von Nischnij-Nowgorod, aber ein Automobil war noch nicht dort erschienen.
Zwischen der ernsten, nachdenklichen Menge der Slawen erblickten wir merkwürdige Volksstämme um uns herum. Viele Tataren im Kaftan nach türkischer Art oder im blauen Kulmak, Kirgisen, die aus ihren Steppen gekommen waren und Tausende von Kilometern weit Pferdeherden hergetrieben hatten. Zirkassier mit prächtigen Waffen waren da, Perser mit den hohen Pelzmützen, ernstblickende Armenier, Sibirier aus Tobolsk mit Ladungen kostbaren Pelzwerks. Unter der Menge hatte sich das Gerücht verbreitet, daß wir aus Peking kämen; man betrachtete uns überrascht und stellte tausenderlei Fragen an uns, die wir nicht immer verstanden.