Wir bogen in die Straße nach Moskau ein, die breit, fest, eben und gerade war. Wir ließen die Maschine schnell fahren. Die Stadt und ihre Jarmarka entfernten sich mehr und mehr. Die Straße wurde menschenleer und ging nicht in einen der gewohnten elenden Feldwege über. Die Chaussee, die echte Chaussee war erreicht!

Endlich! Nach einer Fahrt von 7500 Kilometern, nach sechsundvierzig langen Tagen voller Mühen, Beschwerden, Leiden, Enttäuschungen. Sie hatten wir gesucht, nach ihr hatten wir geseufzt, seit wir die mongolische Wüste verlassen hatten: wir glaubten sie schon in Kiachta, in Irkutsk zu erreichen. Bei meiner Beschreibung der Reise habe ich von Straßen gesprochen, um den undefinierbaren Strecken, über die wir fuhren, einen Namen zu geben. In Wirklichkeit sind wir fast stets über mehr oder weniger guten gewachsenen Boden, über Sand, Morast, Steine, Gestrüpp gefahren. Die Straße begann erst hier, nachdem wir ihren kleinen weit vorgeschobenen Vorposten bei Kasan angetroffen hatten. Sie begann in Nischnij-Nowgorod, der unvergeßlichen Stadt, die für uns den Anfang des letzten Teils unserer Reise bedeutete. Uns erschien sie als der Beginn der Zivilisation.

Europa hat seine Grenze nicht, wie die Geographen behaupten und wie auch wir es geglaubt hatten, in den Wäldern des Urals, nein: es beginnt in Nischnij-Nowgorod mit jenem weißen Streifen, auf dem wir dahinrollten, der in einladender Breite ein endloses Band darstellt, das hier beginnt und alle europäischen Nationen umschließt. Jetzt erst glaubten wir über alle Schwierigkeiten triumphiert zu haben; wir brauchten keine Felsen mehr zu erklimmen, in keine Abgründe hinunterzurutschen, nicht mehr über Baumstämme zu stolpern; wir brauchten nicht mehr in heimtückischen Sümpfen zu versinken, nicht mehr den Weg zwischen der Pflanzendecke der Moräste und den Bäumen des Waldes zu suchen. Die Straße war unsere Freundin, unsere Führerin; sie erfüllte uns mit neuem Mute, sie geleitete uns ans Ziel.

Wir stießen einen Freudenschrei aus, als wir von der Spitze eines Hügels aus sahen, wie sich die Chaussee bis zum Horizont erstreckte. Und doch lebte in uns immer noch ein Gefühl des Zweifels, eine unbestimmte Angst. Wir waren zu oft getäuscht worden und hatten immer noch ein wenig Furcht, die Straße möchte verschwinden und uns verlassen. Etwas ließ uns anfangs allerdings die Veränderung weniger durchgreifend erscheinen und setzte unserer Freude einen Dämpfer auf: es waren die alten, wackligen Brücken. Wir hörten jenes gräßliche Krachen des Holzes unter den Rädern. Während unseres raschen Dahinrollens gab eine dieser Brücken unter dem Gewicht des Automobils nach; ein Brett brach.

„Rasch, mit voller Kraft!“ rief der Fürst.

Der Motor knattert laut und die Maschine, die im Begriff ist, zu fallen, schießt vorwärts über die Bretter hin, die sich unter ihrer Last biegen. Sie ist in Sicherheit! Hinter uns hören wir Holz herabpoltern.

Das Automobil saust mit voller Geschwindigkeit dahin. Vornübergebeugt, um den Luftwiderstand besser zu überwinden, durcheilen wir lange Strecken im Fluge und kosten nach so langer Zeit von neuem das Hochgefühl des ununterbrochenen Vorwärtsstürmens. Mit vollen Lungen atmen wir den Duft des Heues, des Harzes, der Blumen ein, die ihren Odem in die warme Luft ausströmen. Die Straße bildet wundervolle gerade Linien, die bis zu 60 Kilometer lang sind. Wenn uns nicht an manchen Brücken die Umbauarbeiten aufgehalten hätten, so hätten wir Wladimir, unseren nächsten Haltepunkt, der von Nischnij-Nowgorod 250 Kilometer entfernt ist, in fünf Stunden erreichen können; so brauchten wir acht.

Wir kamen zur Stunde der Promenade in jenes reizende Städtchen, das bereits die Nähe der heiligen Hauptstadt des Reiches verrät. In einem kleinen Gasthofe kehrten wir ein, vermochten aber trotz unserer Müdigkeit zum erstenmal nicht zu schlafen. Moskau war nur noch wenige Stunden entfernt!


Um 7 Uhr früh fahren wir durch das weiße Tor von Wladimir und jagen auf Moskau zu. Die vom Sonnenschein übergossene Straße war herrlich und schnurgerade, als sei sie durch einen Kanonenschuß angelegt worden.