Seit Peking hatten wir auf unseren Tagestouren niemals an einem Tische gefrühstückt; wir hatten auf dem Automobil gegessen und oft auch dies unterlassen, weil wir nicht daran dachten. Wir fühlten uns von einer beinahe kindlichen Heiterkeit beseelt.
Das Wetter wurde schlecht, es begann zu regnen. Aber wir lachten ob des Wetters und spotteten des Regens; sie würden uns nicht mehr aufhalten. Diese Feindseligkeiten kamen zu spät und waren zwecklos. Unser alter, erbitterter Feind, das Wetter, war besiegt.
Sofort verbreitete sich die Nachricht von unserer Ankunft in der ganzen Stadt. Das Publikum drängte sich im Hofe, und wir erhielten den Besuch von Offizieren, Beamten und reichen Gutsbesitzern. Wir wurden überall eingeladen. Der Fürst mußte sich mit Händen und Füßen wehren, um nicht in Moskau erst am nächsten Tage um 2 Uhr einzutreffen!
Mittags nehmen wir die Sitze auf der Maschine wieder ein und beschleunigen ihren Gang, um Zeit zu gewinnen. Wir fürchten, die Panne von Bogorodsk zu lange ausgedehnt zu haben. 30 Kilometer vor Moskau treffen wir zwei stattliche Soldaten, die wir für Kubankosaken halten. In ihrer malerischen Uniform nach zirkassischer Art mit den reichen Patronenbehältern zu beiden Seiten der Brust, dem langen Dolche im Gürtel, dem hohen Pelzkalpak auf dem Kopfe stehen sie auf beiden Seiten der Straße einander gegenüber. Kaum sind wir vorüber, so folgen sie uns in gestrecktem Galopp. Von 100 zu 100 Metern bewachen Kosaken die Straße und schließen sich der Reiterschar an, die sich rasch hinter uns bildet. Wir bemerken bald, daß dieser Ehrendienst uns gilt, um unseren Weg von Wagen freizuhalten, die von der Mitte der Straße auf die Seite gewiesen werden. Die Soldaten gehören einem neuen Gendarmeriekorps an, das nach den revolutionären Bewegungen in Moskau gebildet worden ist.
Seltsam, die Wagenführer sind nicht wütend, überhäufen uns nicht mit Schimpfworten; sie begrüßen uns sogar mit Begeisterung. Aber die Überraschungen sind noch nicht zu Ende. Als wir um 1 Uhr 15 Minuten an die Grenze des Weichbildes von Moskau kommen, bemerken wir in dem Orte Kordenky eine Menge Menschen, die um blitzende Wagen herumsteht, in denen wir beim Näherkommen ebenso viele in einer Reihe aufgefahrene Automobile erkennen. Andere kommen rasch herbei und lassen ihre Hupen ertönen. Es sind die ersten großen Automobile, die wir wieder sehen; sie sind uns entgegengefahren. Von ihnen herab und um sie herum bricht ein Begrüßungssturm los: Hurra! Wir werden umringt und drücken hundert Hände, die sich uns entgegenstrecken. Es ist ein unbeschreiblicher Augenblick!
Über das Diplomatengesicht des Fürsten sehe ich einen flüchtigen Schatten huschen. Es bleiben uns noch 4000 Kilometer zurückzulegen, ehe wir nach Paris kommen, aber uns ist, als seien wir schon eingetroffen. Wir kehren in unsere Welt, in unser Leben zurück. Jetzt schließen wir die Epoche der Einsamkeit und Verlassenheit ab, die eine harte Prüfung in unserem Leben bedeutete.
Ankunft vor Moskau.
Mit stolzem Gefühl, mit Augen, die nicht nur vom Winde und vom Regen feucht sind, steigen wir vom Automobil. Der Präsident des Automobilklubs von Moskau, dessen Anregung wir die freundliche Begrüßung verdanken, teilt uns mit, daß wir zu Ehrenmitgliedern des Klubs ernannt worden seien, und überreicht uns das wertvolle Abzeichen aus Gold und Email, das wir sofort an unseren vom Schmutz bespritzten Mützen befestigen. Es folgen die Vorstellungen. Ich befinde mich inmitten zahlreicher Kollegen: da ist der Korrespondent des „Matin“, der dem Fürsten die Glückwünsche seiner Zeitung übermittelt, der man die geniale Idee der Fahrt Peking–Paris verdankt; ich treffe den Berufsgenossen von der „Daily Mail“ wieder, der uns auf der Eisenbahn von Etappe zu Etappe gefolgt ist, und viele andere ausländische Journalisten. Auch Damen sind da. Eine von ihnen legt — ein prächtiger Gedanke! — auf unserer Maschine einen Rosenstrauß nieder, um auch sie ein wenig zu feiern, die so viel Anteil daran hat, daß wir überhaupt angekommen sind. Gegen 2 Uhr nehmen wir die Fahrt wieder auf, begleitet von allen Automobilen.
Dieses phantastische Schauspiel ruft mir jenen rasenden Ritt stolzer Mongolen ins Gedächtnis zurück, der auf uns den Eindruck machte, als werde das Automobil in feindlicher Absicht von der gesamten asiatischen Barbarenschaft verfolgt. Jetzt aber erscheinen wir als die Barbaren, die mit Schmutz bedeckt auf einem rohen, erdfarbigen, mit alten Stricken, Ketten und verrosteten Spaten beladenen Wagen sitzen, während hinter uns die polierten Metalle, die leuchtenden Lackanstriche aristokratischer Automobile erglänzen, auf denen elegante Sommertoiletten mit ihrer Fülle von Federn, Blumen, Schleiern und Bändern im Winde rauschen.