Plötzlich eröffnet sich am Horizont der Blick auf Moskau! Es war ein Funkeln von goldenen Kuppeln über einem weißen, schimmernden Häusermeere, eine überwältigende Erscheinung, ein Traum!
Wir gelangen in die fabrikreichen, von hohen, rauchenden Schornsteinen starrenden, vom Lärm der Arbeit widerhallenden Vorstädte, die die feierliche, altehrwürdige Ruhe der Heiligtümer umgürten.
Was geht da vor? Eine Menschenmenge erfüllt die Straße. Es sind Arbeiter, Männer und Frauen, die aus den Fabriken zu Hunderten, zu Tausenden herbeieilen. Die Fenster sind dicht besetzt. Von der Eisenbahn, über die wir fahren, kommen ebenfalls Scharen von Arbeitern im Laufschritt an. Was geht vor?
Ein fürchterliches Geschrei empfängt uns. Es ist der Gruß des Volkes, ausgestoßen von der schreckenerregenden Stimme der Menge. Der Gruß erneuert sich und pflanzt sich fort, er folgt uns und erklingt uns zu seiten. Wir haben nicht das Bewußtsein, ihn verdient zu haben, aber stürmisch dringt diese Welle der Sympathie an unser Herz. Wir hören den Ruf: „Viva l’Italia!“ Man klatscht Beifall. Auf den Verdecken der Straßenbahnwagen erheben sich die Fahrgäste und schwenken die Mützen. Der Fürst grüßt mit einer Handbewegung, während er erstaunt murmelt:
„Aber was haben wir denn eigentlich geleistet?“
So durchqueren wir die Vorstadt und kommen schnell ins Innere der Stadt, wo Ruhe herrscht. Über großartige Boulevards hinweg gelangen wir schließlich in die Nähe der stolzen alten Mauern des Kreml, wo die Leute uns nicht mehr kennen und nur stehenbleiben, um unseren Zug mit fragender Miene zu betrachten, offenbar verwundert, daß so vielen schönen Automobilen ein so häßliches und schmutziges vorausfährt und daß auf ihm Leute sitzen, die noch schmutziger sind.
Wir steigen vor dem Hotel ab und fallen sofort in eine angenehme Gefangenschaft: das Komitee legt Beschlag auf uns. Es will uns feiern, und es gehören zum mindesten zwei Tage dazu, dies gewissenhaft zu erledigen. Unsere Müdigkeit macht uns nicht ungehorsam gegen die Ukase des Komitees.
„Nun gut,“ sagen wir, als wir über das zukünftige Programm mit uns zu Rate gehen, „bleiben wir! Aber allen ferneren Verlockungen setzen wir heroischen Widerstand entgegen und wir fahren von Moskau nach Paris in einer Tour!“
Und Petersburg? Auch Petersburg erwartete uns. Zwar schloß die ursprüngliche Route die russische Hauptstadt, weil zu weit abgelegen, aus dem Programm aus. Durch die Wahl der Straße über Perm und den Abstecher nach Petersburg verlängerten wir die Fahrt um mindestens 700 Kilometer. Aber das Petersburger Komitee, das die Verteilung der Benzinvorräte überwacht, Straßenkarten für uns hatte anfertigen lassen, das in allen großen Städten Unterkomitees zu unserem Empfang gebildet hatte, war uns wichtiger als die übrigen Komitees, und seine Einladung konnten wir nicht unberücksichtigt lassen. Wir wollten also nach Petersburg gehen, aber uns nur wenige Stunden dort aufhalten. Denn dann kam noch Berlin, dessen telegraphische Einladung wir schon in Tomsk erhalten hatten.
Moskau bot uns auf ein Mal alle jene Diners, Soupers und Dejeuners, die uns während der Fahrt entgangen waren! Unsere Nerven, die den Strapazen und Entbehrungen widerstanden hatten, wurden mürbe unter diesem Ansturm, dem wir uns doch nicht entziehen konnten, so groß war die Herzlichkeit, die uns von allen Seiten umgab. Wir waren Gäste der italienischen Kolonie, die uns wertvolle Andenken überreichte, die sicher nicht notwendig waren, um die Erinnerung an jene Tage unverlöschlich in unserem Gedächtnis festzuhalten; wir waren Gäste des Automobilklubs, des italienischen Konsuls, alter und neuer Freunde; wir nahmen an Trinkgelagen teil, hörten Orchestermusik, Konzerte und Lieder an und wanderten durch die luxuriösesten und namhaftesten Moskauer Restaurants, vom „Metropol“ nach der „Eremitage“, von „Mauritania“ nach dem eleganten „Yard“, wo die Konzerte um Mitternacht beginnen, um bei Sonnenaufgang zu enden.