Die Moskauer Automobile wurden uns zu einer Fahrt durch die Stadt und ihre malerische Umgebung zur Verfügung gestellt. So wurden wir nach dem historischen „Sperlingsberge“ geleitet, um den Sonnenuntergang von dem Punkte aus zu genießen, auf dem der große Napoleon haltmachte, um am Abend des 14. September 1812 das entzückende Panorama von Moskau zu bewundern. Die sterbende Sonne tauchte die unermeßliche, stolze Stadt in Blut; die goldenen Kuppeln sandten Flammenblitze aus, alles verschwamm in einem Glanze, der überirdisch erschien: es war ein erhabenes Schauspiel!
Man hat uns in wenigen Stunden das bunte, eigenartige Leben dieser einzig in der Welt dastehenden Stadt kosten lassen, der wahren russischen Hauptstadt. Sie ist modern und altertümlich, arbeitsam und heilig, und amüsiert sich auch unter dem „kleinen Belagerungszustand“. Dieser ist der Grund, warum man Posten mit aufgepflanzten Bajonetten die Spazierfahrten reicher Equipagen überwachen sieht, während Kosakenpatrouillen, den Karabiner auf der Hüfte, zwischen den Wagen einhertraben. Auf den Hauptstraßen kommt es nicht selten vor, daß plötzlich ein lauter Befehlsruf erschallt, daß alle Wagen zur Seite fahren und daß man im Mittelgalopp drei oder vier Kutschen vorbeieilen sieht, vorn, auf beiden Seiten und hinten von Kosakenpelotons mit dem schußfertigen Revolver in der Faust umgeben: es ist nur ein Transport von Staatsgeldern. Die Gefahr hat dem Rubel zu kaiserlichen Ehren verholfen!
Inzwischen hatte das Automobil seine Reisetoilette erneuert; es war sorgfältig gereinigt und geputzt worden, mehr war nicht nötig gewesen. Zu unserer eigenen Überraschung fanden sich sogar verschiedene Teile, die sonst häufig ausgewechselt werden müssen, unversehrt vor. Nur das von den Muschiks zwischen Perm und Kasan angefertigte Rad wurde ersetzt, weil es sich herausstellte, daß es schlecht zentriert war und die Pneumatiks zu sehr anstrengte. Und doch schuldeten wir diesem rohgearbeiteten Rade viel Dank.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Aus Rußland heraus.
Auf dem Wege nach Petersburg. — Nowgorod. — Petersburg. — Der Grenze zu. — Unerwartete Gastfreundschaft. — Die erste Begrüßung auf deutschem Boden. — Königsberg. — Berlin nähert sich.
Am Morgen des 31. Juli punkt 4 Uhr verließ unser Automobil die Garage des Hotels Metropole, wesentlich erleichtert durch eine bedeutende Verminderung des Gepäcks. Es ließ in Moskau die Entdeckungsreise-Ausrüstung zurück, die ihm ein so eigenartiges Aussehen verliehen hatte. Die Stricke, Ketten, Flaschenzüge, Spaten und Spitzhacken wurden abgelegt. Auf seiner Fahrt hatte das Automobil nach und nach alle nutzlos und hinderlich werdenden Gegenstände abgeworfen, in Kalgan zwei Schutzwände, zwei weitere in den mongolischen Steppen, dann einen Teil der Cornedbeefvorräte und der Eisengeräte. Es hatte wie ein Luftballon den Ballast ausgeworfen, um die Belastung der Federn zu vermindern. In Moskau trug es außer unserem geringen persönlichen Gepäck nur noch einige Ersatzpneumatiks. Wie ein Athlet hatte es sich entkleidet, um besser laufen zu können.
Begleitet von den Automobilen, die uns das Ehrengeleit gaben, durchquerten wir rasch die Stadt, die noch nicht schweigsam geworden war. Die Morgendämmerung ist eine Stunde, in der in Moskau noch Leben herrscht; die Leute kehren aus den Restaurants und den Konzerten zurück. So erhielten wir jetzt die Abschiedsgrüße des sich vergnügenden Volkes, während wir bei der Ankunft die Grüße des arbeitenden Volkes entgegengenommen hatten. Zu unserer Rechten zog sich der Petrowskijpark hin, in dessen riesigen Alleen noch Wagen rollten, die aus den Kabaretten zurückkehrten. Wir sahen auffallende, ein wenig zerdrückte Toiletten, quer auf schwankenden Köpfen sitzende Zylinderhüte; wir vernahmen heisere, aber herzliche Grüße. An der eigenartigen Form unserer Maschine und an der italienischen Flagge wurden wir sofort erkannt.
Über dem schweigenden, rauhen Gefilde lag dichter Nebel. Bald sahen wir nichts mehr als die Straßenränder; wir fuhren dahin, von dem grauen, unermeßlichen Raume umgeben, und konnten nicht einmal die nächsten Automobile erkennen, von denen wir nur die Signale hörten.