Um 6 Uhr durchdrang die Sonne hier und da die Nebelschleier.

Der Horizont erscheint flach und grenzenlos. Schimmernde Kirchtürme ragen in noch unbestimmten Umrissen über dem Grün der Felder empor; dann wird, fast mit einem Schlage, alles klar. Wir finden die Landschaft, die uns seit Wochen begleitet hat, unverändert wieder. Wir gelangen in das Städtchen Klin, wo wir eilige Abschiedsgrüße mit den Automobilen, die uns nachgekommen sind, austauschen, und setzen unsere Fahrt allein fort, in Gedanken versunken. Wir lauschen dem gleichmäßigen leichten Gange des Motors und laben uns mit Wonne an der Morgenfrische.

In Nowgorod, das 485 Kilometer von Moskau entfernt ist, wollen wir übernachten.

Um 10 Uhr kommen wir nach Torschok, wo Benzin für uns lagert. Die rechnerische Vorbereitung der Reise schloß mit Moskau, weil der Fürst, damals über die einzuschlagende Route noch im ungewissen, davon überzeugt war, auf dem Wege von Moskau nach Paris überall mit Leichtigkeit Benzin zu erhalten. Die Firma Nobel hatte auf eine telegraphische Anfrage hin die Verpflichtung übernommen, uns neue Benzinvorräte von Moskau aus bis zur russischen Grenze zur Verfügung zu stellen.

Am Eingange der Stadt stehen Männer, die uns erwarten. Sie haben Fässer mit Benzin und Öl neben sich. In wenigen Minuten füllen wir unsere Behälter, und weiter geht es!

So schnell haben wir noch nie eine so lange Strecke zurückgelegt; wir fahren mit einer Geschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde. Wir sind von immer stärkerem Verlangen beseelt, zu eilen. Die Werstzeichen fliegen pfeilschnell an uns vorüber. Wir ziehen die Karte zu Rate, stellen Berechnungen an und schenken der Landschaft nur geringe Beachtung.

Aber ach! als wir die Grenze des Gouvernements Twer überschritten haben, wird die Straße schlechter. Wir müssen langsamer fahren, bis wir endlich infolge eines plötzlichen Gewitters bei einer Geschwindigkeit von 25 Kilometern in der Stunde angelangt sind. Es ist das gewohnte tägliche Gewitter! Und während unseres Aufenthalts in Moskau war kein einziger Tropfen Regen gefallen!

Lebt wohl, ihr Straßen und Landschaften, ihr mittelalterlichen Häuser! Alles ist Wasser um uns herum, wie am Morgen alles Nebel war, Wasser, das uns nicht verläßt, bis wir nach Nowgorod am Ufer des Wolchow kommen, in der Nähe des stillen weiten Ilmensees. Keine Stadt hat auf uns einen so düsteren Eindruck gemacht als Nowgorod. Man könnte meinen, es trauere um verlorene Macht und Ruhm. Es lebt noch jetzt ein Sprichwort in Rußland, das da lautet: „Wer kann mit Gott streiten und wer mit Nowgorod?“

Es regnet noch, als wir Nowgorod am nächsten Morgen verlassen und den Kreml durchqueren, um den sich das entvölkerte, stille Städtchen drängt, als suche es noch jetzt den Schutz der starken zinnenbewehrten Mauern.

Unter der Geißel des Regens verbringen wir viele Stunden in verdrießlichem Schweigen, nur getröstet durch den Gedanken an die Nähe von Petersburg. Bald stoßen wir auf Villen, Gärten, Parke. Dann dichter, niedrigschwebender, schwarzer Rauch am Horizonte. In vier Stunden haben wir 128 Kilometer zurückgelegt.