Während eines kurzen Aufenthalts, den wir machen müssen, um eine Pneumatik auszuwechseln, bieten wir den um uns versammelten Bauern Zigaretten an. Es ist das größte Geschenk, das man dem Muschik, einem eingefleischten Raucher, machen kann. Er kann sich nicht immer den Luxus leisten, Zigaretten zu kaufen, und raucht daher den schlechtesten Tabak, den er in Papierfetzen einwickelt, von denen er immer die Taschen voll hat; eine alte Zeitung wird zu diesem Zweck sehr geschätzt. Aber zu unserer Überraschung weisen die Bauern das Geschenk zurück. Sie gehören zu der früher hart verfolgten Sekte der „Altgläubigen“, einer Art von bilderstürmenden Puritanern, die sich in Masse in diese Gegend geflüchtet haben. Mitbrüder von ihnen haben wir als Verbannte in Sibirien angetroffen. Wir befinden uns also außerhalb des orthodoxen Gebietes, unter Leuten, die man sozusagen vor die Tür des Kaiserreiches gejagt hat. Dicht an der Grenze wohnen die verfemten Teile der Bevölkerung, als wollten sie jeden Augenblick zur Flucht bereit sein.
Der Abend naht; wir sind noch 75 Kilometer von Dwinsk entfernt. Die Müdigkeit übermannt uns, wir würden gern haltmachen, aber das Gefilde ist öde. Da stoßen wir vor einem einsamen Walde auf ein stillstehendes herrschaftliches Automobil. Ein Bedienter in Livree steigt, als er uns kommen sieht, vom Wagen, macht ein Zeichen, daß wir halten möchten, und überreicht dem Fürsten die Einladung eines reichen Herrn, der uns Gastfreundschaft in seinem Hause anbietet. Das wartende Automobil soll uns den Weg zeigen. Nichts konnte uns willkommener sein, und fort geht es durch die Alleen eines großartigen Parkes.
Unser Gastfreund ist der Ingenieur Kerbedy, ein Pole, der Erbauer der transmandschurischen Eisenbahn und Direktor großer Eisenbahngesellschaften. Wie im Traume sehen wir uns aus dem Regen und dem Schmutze der Landstraße in warme Zimmer versetzt, von Lakaien bedient, aufgeheitert durch die überaus liebenswürdige Herzlichkeit der gastlichen Familie, die sich zu unserer freudigen Überraschung mit uns in fließendem Italienisch unterhält.
Bei einem Wetter, das eines scheußlichen Dezembertages würdig gewesen wäre, nahmen wir am 3. August früh 4 Uhr, vor Kälte zitternd, unsere Fahrt wieder auf.
Dwinsk schlief noch, als wir es durchfuhren. Welche Traurigkeit lag über jenen stillen Städten, die wir während ihres Schlummers besuchten! Sie erschienen wie tot.
Die breite Düna überschreiten wir auf der Eisenbahnbrücke, die für Eisenbahnzüge, Fußgänger und Wagen bestimmt ist, und kommen auf die prächtige Militärstraße des Grenzgebietes. Hier zeigt sich wenigstens ein praktischer Nutzen des Krieges! Um zum Kampfe gerüstet zu sein, legen die Nationen an ihren Grenzen herrliche Straßen an. Wir finden den Weg so gut, daß wir trotz des Regens 40 Kilometer in der Stunde fahren.
Die Eindrücke dieses Tages lassen sich in zwei Worte zusammenfassen: Gewitter und Kruzifixe. Alle halben Stunden ein heftiges, betäubendes Unwetter und überall nichts als riesige Kruzifixe, am Ufer der Teiche, auf den Feldern, am Saume der Wälder, am Eingange der Ortschaften. Zuweilen sind es figurenreiche Gruppen, mit Schnitzereien und naiven vielfarbigen Bildwerken verziert; durch sie bekundet die polnische und lettische Bevölkerung, die früher religiösen Verfolgungen ausgesetzt war, feierlich ihren katholischen Glauben. Der Kampf stärkt den Glauben. Dieses Volk pflanzte seine Kruzifixe auf, wie man in der Schlacht das Banner entfaltet.
Kowno wird mit seinen roten Dächern ganz unvermutet vom Gipfel eines Hügels aus an den grünen Ufern des windungsreichen Riemen sichtbar. Die Stadt ist voller Gasthöfe mit italienischen Namen: Hotel Venezia, Napoli, Italia. Woher die seltsame Vorliebe der Gasthofsbesitzer von Kowno für unser Vaterland stammt, weiß ich nicht. Auf der Straße begegnen wir einem Automobil, von dem eine große weiße Fahne mit einer polnischen Inschrift weht. Es sind polnische Journalisten, die aus Warschau gekommen sind, um uns an die Grenze zu geleiten. Sie brechen in Hochrufe auf Italien aus, veranlaßt durch den angenehmen revolutionären Beigeschmack, den dieser Ruf ihrer Auffassung nach hat. Italien wird in Polen verehrt als die Sklavin, die sich erhob, kämpfte und frei wurde.
Die Kollegen erzählen uns dann ihr Abenteuer mit der Fahne. Das Tragen von Fahnen ohne Erlaubnis der Polizei ist verboten. Die Gendarmen hatten daher das Automobil angehalten und die behördliche Ermächtigung zum Führen der Fahne zu sehen verlangt.
„Aber das ist ja gar keine Fahne!“ hatten die polnischen Journalisten erwidert.