Die Fahne trug die Inschrift: „Warschauer Automobilfahrerbund.“
Während sie uns nach dem Gasthof geleiteten, holte uns ein Offizier ein; er war ganz außer Atem:
„Knjäs Borghese!“ rief er, „kommen Sie, bitte; die Frau Gouverneur erwartet Sie zum Wohltätigkeitsbasar des Roten Kreuzes.“
In einem Garten wurde ein Wohltätigkeitsbasar unter dem Protektorat der Gouverneurin veranstaltet, und diese liebenswürdige Dame hatte geglaubt, das Fest ertragreicher zu gestalten, indem sie uns und das Automobil zu dem bescheidenen Eintrittspreise von zehn Kopeken ausstellte. Die Idee war genial; wir lehnten aber höflich ab und zogen uns in den Gasthof zurück.
Wir hatten seit Petersburg 820 Kilometer zurückgelegt und waren nur noch wenige Stunden von der deutschen Grenze entfernt. In kurzer Zeit hatte sich alles um uns herum mit reißender Geschwindigkeit verwandelt: Rassen, Trachten und Sprachen. Seit mehr als einem Monat an die endlose Eintönigkeit des Russischen Reiches gewöhnt, hatten wir die Empfindung, als hätten wir unermeßliche Entfernungen durcheilt.
Wir hatten Kowno beim ersten Morgengrauen verlassen. An dem wieder heiter gewordenen Himmel blinkten noch einige Sterne, und die schmale Mondsichel verbreitete einen leichten Schimmer über die Kuppeln der Kathedrale. Aber unsere Eile, vor Tagesanbruch fortzukommen, wurde übel belohnt.
In der Dunkelheit verloren wir und unsere polnischen Freunde auf ihrem Automobil den Weg und verirrten uns in dem Labyrinthe der Befestigungen; von einer Schildwache wurden wir zur andern gewiesen. Gegen 4 Uhr fanden wir endlich die richtige zur Grenze führende Militärstraße wieder; es war eine seltsame Straße infolge der großen geweißten und symmetrisch längs der begrasten Ränder verteilten Steine, so daß sie einer Friedhofsstraße glich. Um 6 Uhr hatten wir die 100 Kilometer hinter uns, die uns noch vom Deutschen Reiche trennten. Dort liegt Wirballen, die letzte russische Stadt. —
41 Tage hatten wir gebraucht zur Durchquerung des Zarenreiches, in dem wir die größten Schwierigkeiten unserer Reise antrafen. Wir verließen es ohne Bedauern, aber nicht ohne Sympathie. Oftmals hätten wir das Automobil im Stiche lassen und auf die Durchführung unseres Unternehmens verzichten müssen, wenn wir bei den Bewohnern nicht stets Gutherzigkeit, Geduld und Gastfreundschaft gefunden hätten. Wir konnten an die kritischsten Augenblicke unserer Fahrt nicht zurückdenken, ohne daß uns die heitere, mystische, evangelisch-milde Gestalt des Muschik vor die Seele trat mit seinem blonden Barte, den langen Haaren, bemüht, uns aus dem Moraste herauszuhelfen, durch die Strömung der Flüsse hindurchzuführen und uns auch vor dem Hunger zu schützen.
Die Grenze ist durch eine kleine Brücke bezeichnet. An beiden Enden stehen an Pfählen, die mit Streifen in den Nationalfarben bemalt sind, zwei Wappen; sie sind einander zugekehrt: der russische Doppeladler beobachtet den deutschen einfachen Adler. Eine Kette sperrt den Zugang zur Brücke. Wir halten.
Unsere Pässe sind in einem Augenblicke visiert. Telegraphische Befehle haben alles im voraus geordnet, um uns jedes Hindernis aus dem Wege zu räumen. Die russische Zollverwaltung erteilt sofort die Erlaubnis zum Passieren. Wir können weiterfahren.