An manchen Stellen war kaum Platz für das Automobil, und wir trafen die sorgfältigsten Vorsichtsmaßregeln. Wir mußten ab und zu einen Schlag mit der Spitzhacke tun, Maße abschätzen und kühn die Weiterfahrt versuchen, wobei wir die Radränder scharf im Auge hatten und der Führer sich bereithielt, die Maschine unter dem mächtigen Druck der Bremsen unbeweglich festzuhalten. Bei einem Dorfe, Tu-mu-go, 45 Kilometer von Tscha-tau-tschung, fanden wir uns beinahe unvermutet außerhalb des Berglandes; eine grüne Ebene lud uns zu einer Fahrt ein, und wir nahmen die Einladung an.
„Halt!“
Wie durch Zauberschlag ist die Ermüdung von uns gewichen. In einer Minute sind die Kulis beiseite geschoben und dem Kommando Pietros anvertraut, die drei Tiere abgeschirrt. Mit fieberhafter Eile schlingen wir die Seile um die Laternenhalter und entfalten die Flagge. Ein Andrehen der Kurbel, und der Motor arbeitet. Wir steigen auf die Maschine und vorwärts!
Vorwärts, den gewundenen, unebenen Weg entlang, unbekümmert um die Sprünge, die Stöße, die Rucke, einzig und allein darauf bedacht, das Automobil laufen zu lassen. Es hat nur zweite Geschwindigkeit, scheint uns aber zu fliegen. Es zeigen sich große Regenlachen. Vorwärts! Wir stürmen hinein und durchfurchen sie unter einem wahren Schauer von Wasser und Schmutz; die zurückschlagende Welle dringt in den offenen Raum des Automobils ein und durchnäßt uns. Wir lachen. Wir sprechen laut, ergriffen von einer seltsamen Aufregung; es ist ein Rückschlag gegen das lange Schweigen und gegen die entmutigende Langsamkeit der bisherigen Reise. Auch lebt in uns eine neue Freude auf, die aus der tiefen, unsagbaren Genugtuung stammt, etwas zu unternehmen, was noch nie unternommen worden ist. Es ist die Wollust einer Eroberung, der Rausch eines Triumphes und zu gleicher Zeit eine Überraschung, eine Art Verzückung infolge der phantastischen Seltsamkeit der Fahrt in diesem Lande. Wir erblicken Pagodendächer zwischen den Bäumen. Es ist uns, als unterbrächen wir eine tausendjährige Ruhe, als seien wir die ersten, die durch unser Dahineilen einen Weckruf in seinen tiefen Schlaf hinein erschallen ließen. Wir fühlen den Stolz auf Zivilisation und Rasse; wir fühlen, daß wir etwas vertreten, das höher steht als wir selbst: es ist Europa, das mit uns dahinzieht. In dieser Geschwindigkeit faßt sich die gesamte Bedeutung unserer Zivilisation zusammen. Das brennende Sehnen der abendländischen Seele, ihre Stärke, das wahre Geheimnis jedes ihrer Fortschritte ist in einem Worte ausgedrückt: „Rascher!“ Unser Leben wird angestachelt von diesem heißen Verlangen, von dieser schmerzhaften Ungenügsamkeit, von diesem erhabenen Besessensein: „Rascher!“ In die chinesische Starrheit tragen wir in der Tat unser fieberhaft erregtes Wesen hinein. Wir fahren durch Flecken und Dörfer. Halbnackte Kinder fliehen bei unserem Nahen. Die Männer und Frauen blicken uns mit stiller Überraschung, mit ruhiger, wohlwollender Neugier nach. Wir sehen seltsame Trachten, malerischer als die von Peking, vielleicht älter. Es sind grüne, rote, gelbe, blaue Kleider, alle von grellen Farben. Die Bewohner des flachen Landes lieben in der ganzen Welt lebhafte Farben, vielleicht weil sie täglich Blumen vor Augen haben. Auf den Schwellen der Häuser, wo sich die Menge zusammendrängt, herrscht ein buntes, in der Sonne funkelndes Gewimmel, darüber ragen die charakteristischen Dächer mit der leichten kahnartigen Biegung. Wir können uns keinen lebhafteren Eindruck vom fernen Osten wünschen.
Am Hun-ho.
Auf den von üppigem Grün strotzenden Feldern richten sich bei dem Geräusch unserer Maschine die Landleute von ihrer Arbeit auf und betrachten uns, die Augen mit der Hand beschattend. Einer ruft: „Huo-tscho lai!“ — „Die Eisenbahn!“ Der Ausruf wiederholt sich. Einen Augenblick später wenden sich alle wieder ihrer Arbeit zu und beachten uns nicht mehr, überzeugt, daß die Eisenbahn, von der sie so viel haben sprechen hören, angekommen ist. Die Sache hat keine Bedeutung für sie. In einem Graben wäscht eine Frau Kleidungsstücke; wir kommen dicht an ihr vorbei, sie würdigt uns kaum eines Blickes und fährt fort, ihre Kleider zu waschen, gleich als ob täglich Hunderte von Automobilen an ihrem Graben vorüberkämen. Anderswo dagegen rufen sich die Leute gegenseitig zu, strömen herbei, laufen uns durch die Staubwolken nach und zeigen den Ausdruck naiven Staunens auf ihren gelben Gesichtern. Die Seele dieses Volkes ist ein undurchdringliches Geheimnis. Wer weiß, ob nicht der durch die Erscheinung des Automobils hervorgerufene verschiedene Eindruck auf den ursprünglichen Rassenunterschied der Einwohner zurückzuführen ist, wer weiß, ob die Neugier nicht eine tatarische und die Gleichgültigkeit eine chinesische Eigenschaft ist?
Ein schwieriger Aufstieg im Lien-ya-miao-Gebirge.
Wir kommen an einen Ort, Tum-ba-li, dessen in der Mauer befindliches Tor so eng ist, daß wir nicht hindurchkönnen. Wir fahren langsam auf grünen Wiesen im Halbkreise vorbei. Bei einem Dorfe machen wir halt. Der Motor hat Durst und wir auch. Eine gutmütige Menge umringt uns, bietet uns frisches, klares Wasser an und unterzieht den unteren Teil des Automobils einer genauen Prüfung. Man streitet, man kommt näher; kühne junge Leute bücken sich bis zur Erde, um die Schutzwand des Geschwindigkeitsgetriebes besser betrachten zu können. Dann bücken sich alle. Das Geschwindigkeitsgetriebe interessiert sie augenscheinlich. Auch wir sehen nach und suchen vergebens zu ergründen, was ihre Aufmerksamkeit in so hohem Grade fesseln könne. Die Szene ist komisch. Einer faßt Mut und bittet uns mehr mit Gesten als mit Worten um eine Erklärung. Ah, endlich verstehen wir. Sie fragen, wo das Tier ist! Das Pferd ist nicht vorn, es muß also da drinnen stecken. Um so mehr — bemerkt einer, mit ausdrucksvoller Mimik auf den Eimer deutend —, als man ihm durch ein Loch zu saufen gibt. Es ist schwer zu fassen, wo der unglückselige Vierfüßer eingesperrt ist. Ettore will ihnen praktische Erläuterungen geben und öffnet das Motorgehäuse, um ihnen die Zylinder zu zeigen. Aber die Leute blicken mit dem Ausdrucke der tiefsten Überzeugung nach wie vor nach unten. Wir lassen sie bei ihrem Staunen.