„Deutscher Feldtelegraph“, so lasen wir über der Tür einer einsamen Hütte. Es war ein Überbleibsel jener vielberufenen internationalen militärischen Expedition, das von der Bevölkerung geschont wird, vielleicht weil man die Worte für eine heilige Inschrift des Abendlandes hält. Es ist alles, was von jenem so viel Aufregung verursachenden Einmarsch der Mächte übriggeblieben ist. Wir sind unter die Mauern einer Stadt, Huai-lai, gelangt, der nach Süden ein hoher alleinstehender Hügel mit einem Tempel auf dem Gipfel vorgelagert ist. Dieser Tempel war einige Wochen lang eine europäische Kaserne. Wir machten halt, um den Leuten eine Stunde Ruhe zu gönnen; sie gingen, um die Zeit auszunützen, in die Stadt hinein und überbrachten der Bevölkerung die Kunde von unserer Ankunft.
Sofort will ganz Huai-lai uns sehen. Man hört das Lärmen einer Menschenmenge, die sich dem Tore nähert. Zuerst kommen die Kinder, die Vorhut der Schar. Nach wenigen Minuten sind wir von Hunderten von Menschen umringt, die sich mit achtungsvollem Lächeln um das Automobil drängen. Sie betrachten es, berühren es scheu, werden kühn, fragen uns, begrüßen uns, staunen uns an. Viele halten auf der flachen Hand Käfige mit Singvögeln; an schönen Tagen trägt jeder gute Chinese von einer gewissen sozialen Stellung zur Unterhaltung einen Vogelkäfig; es ist dies seine Hauptbeschäftigung, ein hübscher, traditioneller Zeitvertreib.
Zwischen Felsen und Morästen an den Ufern des Hun-ho.
Inzwischen frühstücken wir ein wenig Käse und Cornedbeef. Die Einwohnerschaft von Huai-lai sieht uns dabei zu, es macht ihr offenbar Vergnügen. Rings um uns streitet man sich über die Art und Beschaffenheit unserer Speisen. Ein alter Mann gibt uns durch Zeichen zu verstehen, daß er kosten wolle; den Käse spuckt er aus, während er das Fleisch hinunterschluckt; dann tut er der Bürgerschaft sein Urteil kund und zu wissen. Die Bürgerschaft tritt in nähere Erörterungen darüber ein. Der alte Mann will seine Kontrolle auch auf unser Getränk ausdehnen, und wir reichen ihm die Weinflasche, die er zögernd an die Lippen führt, nachdem er den Becher unwillig zurückgewiesen hat. Er trinkt, kostet, beginnt wieder zu trinken, und widmet sich dieser Tätigkeit mit solchem Eifer, daß die ganze Flasche sich gurgelnd in seine ehrwürdige Kehle entleert. Darauf ist er europäisiert; er lächelt uns mit kleinen, lustig zwinkernden Augen zu und spricht lebhaft auf uns ein; er steigt auf das Automobil, setzt sich hier unter den Beifallsbezeigungen seiner Mitbürger nieder und versucht der Hupe einen Ton zu entlocken; dies gelingt ihm, und er ist glücklich. Es kostet uns nicht wenig Schwierigkeit, ihn wieder herunterzubefördern, als die Kulis zurückkommen und wir unseren Marsch fortsetzen.
Im Schatten des Lien-ya-miao.
Wir kommen an armen, aus Lehm gebauten Dörfern, kleinen, Einsturz drohenden Tempeln, baufälligen Häusern, elenden Hütten vorüber, die von einer wandernden Stadt längs des Weges verloren zu sein schienen. Ein roter, von einem Stock herabwehender Lappen kennzeichnet sie als Absteigequartiere für müde Reisende, als Herbergen für Maultiertreiber im kleinen. Unsere Leute machen dort halt, um in Eile eine Schale Tee zu schlürfen oder sich für eine Sapeke (3/10 Pfennig) den Fliegen streitig gemachte Süßigkeiten zu kaufen. Alle diese Landstriche hätte man für unbewohnt halten können; nirgends zeigte sich ein Mensch, nirgends ließ sich ein Ton hören; es schien, als wolle man sich vor uns verbergen oder uns zu verstehen geben: „Bleibt uns drei Schritte vom Leibe!“ Ta-tu-mu, eine Stadt mit hohen, oben abbröckelnden Mauern, machte den Eindruck einer seit Jahrhunderten verlassenen Ruine.
Die Straße verengte sich; wir gerieten häufig in tiefe Rinnen, die vom Wasser im Sande oder zwischen den Kieseln ausgehöhlt worden waren. Wir marschierten im Bett eines Bergstroms.
Rings um uns her erhoben sich riesenhoch die rauhen Berge, die wir am Morgen gesehen hatten, ohne eine Spur von Vegetation, von brennend gelber Farbe. Wir erstiegen die zweite Bergstufe, die Peking von der mongolischen Hochebene trennt, zu der man über drei Absätze gelangt. Man steigt zu der Mitte Asiens empor wie zu einem Tempel: drei Stufen, drei Absätze. Unten, zu unserer Linken, öffnen sich die unermeßlichen Talgründe von Schansi, eingetaucht in ein strahlendes Blau.