Vor den Mauern von Ta-tu-mu.

Das Gelände stieg leicht an. Die Ebene war öde. Nach stundenlangem, einsamem Marsche überholten wir eine Karawane von Kamelen, die von Mongolen in langhaarigen Ziegenpelzen und mit achteckigen, dem Dach einer Pagode gleichenden Hüten auf dem Kopfe geleitet wurden, eine Karawane, die in diesem Jahre die letzte Reise machte. Die mongolischen Kamele arbeiten im Sommer nicht; sie erfreuen sich der Wohltat der Ferien und der Landluft; in den heißen Monaten werden sie auf die Weideplätze der heimatlichen Wiesen getrieben, wo sie sich für sämtliche übrigen Monate des Jahres, in denen sie arbeiten und fasten, ausruhen und sattfressen. Die Ruhe ist ihnen notwendig, auch um die Hufe wieder wachsen zu lassen, die sich auf den Bergen oft bis aufs Fleisch abwetzen, so daß die armen Tiere daran zugrunde gehen. Ein Wüstentier läßt sich nicht ungestraft in ein Alpentier verwandeln. Dagegen wurden wir einmal zu unserer Beschämung von Maultiersänften einer rasch dahinziehenden Reisegesellschaft überholt. Es waren Sänften, die Kaufleute nach Kalgan oder kaiserliche Beamte nach ihren entfernten Amtssitzen brachten; sie befanden sich zwischen einer Vorhut von berittenen Dienern oder Soldaten und einer Nachhut von Maultiertreibern, die die Ersatztiere führten. Die Beamten hatten an die Außenwand ihrer Sänften als Zeichen ihrer Würde das rote Futteral gehängt, in dem sich der kegelförmige Amtshut befindet. Als sie an uns vorbeikamen, teilte sich der Vorhang des seltsamen Gefährtes, und ein würdiges, infolge der Bewegung der Maultiere hin und her schaukelndes Chinesenhaupt wurde sichtbar, das uns mit fragender Miene betrachtete.

Wir waren in eine sandige Gegend gekommen. Wir trafen elende Dörfer, umgeben von hohen, zerfallenden Wällen, Dörfer, die einst reiche Städtchen waren: Pao-schan, eine Anzahl von Lehmhütten rings um einen winzigen Tempel, den wir durch die breiten, vom Wetter gefressenen Lücken in dem viel zu weiten Mauerquadrat sehen konnten, dann Schi-yu-le im Schatten von Weidenbäumen, Hu-li-pa, umgeben von Bastionen aus Lehm, Scha-tschou, das an die Dörfer der Mandschurei erinnert, und Pien-kia-pu, das an nichts erinnert. Die hochstehende Sonne verbrannte uns den Rücken und lähmte unser Denken. In träger Eintönigkeit, gleichförmig, ermattend schlichen die Stunden hin. Bei den physischen Beschwerden des Marsches (die Reitesel waren nach Nankou zurückgekehrt) dachten wir mit geheimer Sehnsucht daran, wie schön es wäre, wenn wir uns einem bewohnten Orte näherten. Wir setzten ein unbestimmtes Vertrauen auf das Dorf, das kommen mußte, suchten es mit den Blicken und beeilten uns, es zu erreichen, als müßten dort die Beschwerde, die Hitze, die Niedergeschlagenheit und jene blendende Lichtfülle ringsum, in der wir uns gleichsam zu verlieren und aufzulösen schienen, ein Ende nehmen; wir zogen aus einem Bezirk in den andern, immer Umschau nach einer ungeahnten Überraschung haltend.

Die Heiterkeit der Kulis war verschwunden. Man hörte nur noch das Geräusch der Schritte, das Stöhnen der Atemzüge, das laute Knirschen des Sandes unter den Pneumatiks des Automobils, das Getrappel der drei Zugtiere. Von Zeit zu Zeit ein Zuruf Ettores, ein unvermutetes Ertönen der Hupe: halt — wir sind an einer schwierigen Stelle.

Die gute Straße am Hun-Fluß.

Wir sehnten uns beinahe nach diesen schwierigen Stellen, nur um uns aufzurütteln. Es waren dies Augenblicke lärmender Geschäftigkeit. „Hier, den Spaten! die Spitzhacke! Vor dem rechten Rade muß gegraben werden! Vorwärts! Dieser Stein muß aus dem Wege! Die Hebel her! Achtung! Eins, zwei, drei ...!“ — Und in der unermeßlichen Glut, die über der öden Landschaft lagert, entwickelt unsere kleine Schar eine fieberhafte Tätigkeit. Dann ergriffen die Kulis von neuem die Seile, und vorwärts ging es: lai lai-la.

Der Hun-Fluß beim Aufstieg auf den Lien-ya-miao.