„Aber wenn ich dich Pietro rufe, so antwortest du doch.“
„Ja, alle mich lufen Pietlo, ich ihnen antwolte.“
Ein letzter Befehl noch: „Pietro, morgen früh um 3 Uhr wecken, und daß die Kulis zu dieser Stunde bereitstehen!“ Und in die überreichlich mit Insektenpulver bestreuten Decken gewickelt, überließen wir uns dem Schlafe. Durch die dünnen Wände hindurch hörten wir im Zimmer nebenan die Matrosen sich von ihrer Heimat und ihren weiten Seereisen unterhalten.
Am 12. Juni 4½ Uhr morgens verließen wir Tscha-tau-tschung bei bedecktem Himmel und kalter Luft, die die Nacht länger erscheinen ließ. Wir schauderten in unseren noch nassen wasserdichten Anzügen.
Die Matrosen mußten jetzt umkehren; sie hatten Befehl, uns am zweiten Marschtage zu verlassen, wenn ihre Anwesenheit nicht unbedingt nötig wäre. Sie begleiteten uns noch einige hundert Meter bis zu dem Fuße eines alten Befestigungsturmes und nahmen dann Abschied. Die Ebene von Tscha-tau-tschung hallte von Evvivarufen wider. Noch lange Zeit konnten wir die weißen Marineuniformen in dem Grau der Dämmerung unterscheiden und hörten erneute Evvivarufe, die immer ferner und immer schwächer ertönten, bis sich die Leute und die Stimmen ganz in der Ferne verloren.
Die Kulis hatten aus dem Schlafe neue Heiterkeit geschöpft; lachend und singend marschierten sie weiter auf der Straße, die ab und zu sumpfige Stellen zeigte. Ein Automobil zu ziehen, machte ihnen Spaß. Glückliche Armut!
Bei Tagesanbruch zeigte der Himmel da und dort blaue Stellen. Ein Nordwind zerstreute die Wolken und trieb sie in völliger Auflösung dem Meere zu, und mit einem Schlage beleuchtete ein Sonnenstrahl hohe Berge vor uns. Noch wenige Minuten, und die gesamte Kette des Jen-jen-schan, die wir überschreiten mußten, zeigte sich in einem strahlenden Lichtschimmer, durchfurcht von Abgründen und Berghängen, gekrönt von blauen Gipfeln. Es war uns, als hätte sich in einer Minute eine unermeßliche, gewaltige Schranke uns genähert. Hinter ihr erhoben sich andere Gipfel, andere noch höhere Berge, die sich in der Ferne abstuften, bis sie sich in dem heiteren Himmel verloren: der Wu-tsi-hai, die Ausläufer jenes gewaltigen Alpensystems, das der Chingan-schan bildet.
Der Himmel klarte völlig auf. Als wir uns umwandten, sahen wir die Schatten der letzten Wolken einen nach dem andern sich von den Höhen der Großen Mauer losreißen, und in weitem Halbkreise reihten sich hinter uns die Berge aneinander, die wir den Tag vorher überschritten hatten, ausgezackt und kahl, durchschnitten von der unermüdet sich auf- und niederziehenden Schlangenlinie der Mauer, ein so wundervoller Anblick, daß wir uns nicht satt daran sehen konnten. Bis zu den fernen, verschleierten, kaum sichtbaren Bergen der Provinz Schansi im Süden bemerkten wir die regelmäßige Kette der Türme und zeigten sie einander mit immer neuem Staunen, wie eine unglaubliche Erscheinung.