Einzug der „Itala“ in Hsin-wa-fu.

Der Lien-ya-miao steht abgesondert von den übrigen Bergen und ist höher als sie, so daß es den Anschein hat, als führe er den Oberbefehl über sie. Im Süden wird er vom Hun bespült und beherrscht eine Strecke lang den Lauf des Flusses von der Höhe ungeheuerer, senkrecht ansteigender Felsen herab. Die Straße nach Kalgan zieht sich in der Nähe des Hun-ho hin, bald an dem Ufer des Flusses, bald an dem Absturz des Berges, hier durch Sand, dort über steile Felsen; sie klimmt empor und steigt nieder, bis sie dort, wo sich die Berge im Kreise umherstellen, den Fluß verläßt und sich über sanft ansteigende Hügel der Hochebene von Hsin-wa-fu nähert, auf deren Grenze Kalgan am Fuße anderer Berge liegt.

Am Fuße des Lien-ya-miao liegt die Stadt Ki-mi-ni; an den Ecken ihrer Mauern stehen zierliche Pagoden, und über die Zinnen erhebt sich ein Tempeldach mit aufgebogenen Ecken, überragt von Majolikadrachen und mit Glöckchen behängt. Von Ki-mi-ni sieht man nichts anderes. Der Ort ist ganz von hohen, ein Quadrat bildenden Mauern umschlossen wie so viele chinesische Städte. Es sind seltsame Städte, in deren unmittelbarer Nähe wir vorüberziehen, ohne etwas von ihrem Umriß zu entdecken, geheimnisvolle Städte, die sich vor der Neugier wie vor einem Feinde schützen. Während wir außen um ihre Bastionen in schweigender Einsamkeit unseren Weg fortsetzen, erscheint es uns fast unmöglich, daß auf der andern Seite dieser großen düsteren, gleichmäßigen Mauern eine Bevölkerung lebt, daß es dort Straßen, Häuser, Märkte, Freude und Leid gibt. In China ist alles von Mauern umgeben: das Reich, die Städte, die Tempel, die Häuser. Das Ideal des chinesischen Lebens ist die Stille des Gefängnisses.

In den Felsen des Lien-ya-miao-Gebirges.

Als wir um Ki-mi-ni herumgezogen waren, befanden wir uns unvermutet am Ufer des Hun-ho, im Schatten des Lien-ya-miao, dessen Felswände über uns emporragten. Auf dem Gipfel des Berges bemerkten wir einen Tempel. Wie hat man es angefangen, ihn dort oben zu erbauen? fragten wir uns verwundert. Pietro beeilte sich, uns eine Aufklärung zu geben. Dieser Tempel wurde nicht von Menschenhänden errichtet. Kein Mensch wäre dazu imstande gewesen. Er ist von Buddha selbst erbaut worden. Dieser stieg vor vielen Jahrtausenden in Gestalt einer alten Frau vom Himmel herab und errichtete das Heiligtum in einer einzigen Nacht. Und in derselben Nacht erbaute er, nachdem er sich in die Gestalt eines alten Mannes verwandelt hatte, eine Brücke über den Hun, von der noch Trümmer vorhanden sind. Und Pietro zeigte uns in der Tat die Überreste eines steinernen, von Gestrüpp umwachsenen Brückenkopfes. Es ist seltsam, wie weitverbreitet unter den Völkern Ostasiens die Legende von einem Gotte ist, der auf Erden unter der Gestalt eines alten Mannes und einer alten Frau erscheint, um dringende Arbeiten auszuführen. Der Tempel und die Brücke erinnern mich daran, daß in Japan die Göttin Kwannon ebenfalls in einer einzigen Nacht und unter der doppelten Gestalt eines alten Mannes und einer alten Frau ihr eigenes Bild in doppelter Ausführung in zwei riesige Baumstümpfe geschnitten hat; eins von diesen Selbstporträts wird noch heute in Kamakura verehrt, wo auch ich es gesehen habe. Gottheit und Alter verschmelzen oft in den asiatischen Legenden miteinander, vielleicht weil die Gottheit und das Alter Gegenstand gleicher Verehrung sind.

Der Fluß war infolge der Regengüsse angeschwollen; breit und trüb strömte er in unregelmäßigem Laufe in seinem mächtigen sandigen Bette hin. An einer Stelle senkte der Berg seine Felsenwand jäh bis zum Wasserspiegel hinab. In den Zeiten der Trockenheit durchwaten die Karawanen den Hun und setzen ihren Weg auf dem andern Ufer fort. Bei dem hohen Wasserstande wagten wir dies nicht und entschlossen uns, den Weg über den Berg zu wählen, der sich steil vor uns in plötzlichem Aufstiege erhob und zwischen den Felsen verlor.

Wir begannen hinaufzuklimmen.