Ankunft der französischen und des holländischen Automobils in Kalgan.
Der Pfad war in den Fels gehauen und folgte allen Abschüssigkeiten des Berges. Er machte so scharfe Schlangenwindungen, daß wir zuweilen auf zehn Schritte Entfernung noch keine Fortsetzung erblickten und den Eindruck hatten, als münde er in den Abgrund. Nie ließ er uns seine Krümmungen erraten; wir erfuhren beständig Überraschungen. Zu unserer Rechten erhob sich die Felswand, zur Linken hatten wir den Abgrund. In dessen Tiefe schäumte der Fluß. Jenseits des Flusses entdeckten wir beim Weitersteigen einen Horizont, der sich in unermeßliche Fernen ausdehnte, das Tal des Sang-kan-ho, die blaßblauen Berge des Huang-hua-schan, in unbestimmten Umrissen, unkörperlich, leicht wie Gespenster von Bergen; sie eröffneten den Blick ins Herz der Provinz Schansi. Stellenweise verengerte sich der Pfad, zuweilen war er kaum breit genug für die Räder; es waren angstvolle Augenblicke. Auf dem Straßenrande waren stellenweise Mauervorsprünge zum Ausweichen angebracht, die entweder einzustürzen drohten oder schon eingefallen waren, und wenn wir in die Tiefe sahen, hatten wir den Eindruck, als schwebten wir in der Luft. Längs des Hun sahen wir Karawanen von Kamelen ziehen, die von hier aus Insektenschwärmen glichen. Bisweilen ragten Felsblöcke über unseren Köpfen in den Weg hinein, so daß wir fast instinktiv unseren Schritt beschleunigten und dadurch auch die andern zur Eile veranlaßten.
Ettore im Hofe einer chinesischen Karawanserei.
Die Beförderung des Automobils war mühselig und schwierig. Wir arbeiteten gemeinsam mit den Chinesen, bald an den Rädern, indem wir die Speichen mit den Schultern schoben, bald, indem wir an den Seilen ziehen halfen und die Arbeitskräfte leiteten. Die Kulis waren bewundernswert. Etwas von unserer Beklemmung und von unserer Begeisterung war auf sie übergegangen. Achtsam und willig boten sie ihre gesamte Kraft und ihre gesamte Intelligenz auf. Sie setzten ihren Ehrgeiz in die harte Arbeit. Sie hatten Mittel gefunden, gewisse Hindernisse zu überwältigen, und wandten sie an, ohne den Befehl dazu abzuwarten. Sie studierten unsere Gebärden, sie suchten unsere Absichten zu erraten. Sie hatten den Mechanismus des Wagens auf das beste begriffen, und wenn sie sahen, daß die Vorderräder so in Spalten oder zwischen Steinen eingeklemmt waren, daß es unmöglich war, sie zu bewegen, so liefen sie herbei, um sie freizumachen, schoben sie so, daß sie sich nach der günstigsten Seite drehen mußten, und unterstützten die Absicht Ettores, der das Steuerrad lenkte. Die Bedeutung einiger Worte unserer Sprache war kein Geheimnis mehr für sie: „Kräftig los, vorwärts, halt, langsam, aufgepaßt!“ waren ihren Ohren Laute geworden, die eine beredte Sprache führten. Zu alledem kam eine unverwüstlich gute Laune, ein Streben, um jeden Preis zufrieden zu sein. Bei jeder überwundenen schwierigen Stelle gab es einen Heiterkeitsausbruch. Nach der heftigen Aufregung einer starken Kraftanspannung hatten sie noch Lust, mit matter Stimme zu singen. Sie feierten ihre kleinen Siege. Sie fanden tausenderlei Stoff zu Gesprächen und zu Gelächter, bis der Ruf: „Achtung!“ sie verstummen ließ und sie von neuem unter das gespannte Seil beugte. Der Umstand, daß auch wir bereit waren, uns an die Seile zu spannen, in Hemdärmeln, mit nackten Armen, und daß wir im Notfalle unsere Anstrengungen mit den ihrigen vereinten, spornte sie an. Vielleicht machte sie dies auch stolz.
Wir wußten nicht, wie spät es war, weil wir es nicht wissen wollten. Auf manchen Reisen müßte man die Uhr stets zu Hause lassen; sie ist eine schlechte Begleiterin, die entmutigt, indem sie zeigt, wie langsam die Zeit verrinnt. Wir lebten außerhalb der Zeit. Wir hatten den Eindruck, als seien wir seit unvordenklicher Zeit auf dem Marsche durch die Berge; dies lehrt Resignation. Der Tag wollte kein Ende nehmen. Vom wolkenlosen Himmel strahlte die Sonne herab und erhitzte die Felsen; sie verwandelte sie in eine glühende Masse. Wenn wir die Steine berührten, zogen wir die Hände mit einer Empfindung zurück, als hätten wir uns verbrannt. Die Luft war unbeweglich und infolge der zurückprallenden Sonnenstrahlen unerträglich heiß; es schien, als hauche das Gebirge wie ein schlafender Riese einen seiner Atemzüge über uns aus. Einige Kulis hatten ihren bronzefarbenen Oberkörper entblößt, und das über ihre Schulter gelegte Seil drückte in die Haut und schnitt in die Muskeln ein. Aber die Nackten waren sämtlich Lastträger, und die Haut auf ihren Schultern war schon durch die Achsen der Sänften und die Tragbalken für die Wassereimer schwielig geworden. Sie schienen gegen die rauhe Berührung unempfindlich zu sein; nur selten legten sie das Seil mit einer raschen, bezeichnenden Bewegung auf die andere Schulter.
Der Aufstieg war zu Ende. Der Abstieg stellte sich als noch abschüssiger heraus; stets führte der Weg steil am Berge hin. Wir schirrten die Tiere aus und lösten die Seile, um sie an den hinten befindlichen Haken zu befestigen. Alle Kraft mußte darauf verwandt werden, das Automobil auf dem abschüssigen Wege aufzuhalten. Alle Mann stellten sich wie beim Seilziehen in zwei Reihen auf. Ettore stellte den Hebel auf die erste Geschwindigkeit ein. Auf diese Weise wäre das Automobil, selbst wenn die Seile rissen und die Bremsen nicht faßten, nicht mit der fürchterlichen Schnelligkeit eines Falles hinuntergesaust, sondern wenigstens einigermaßen von dem Motor aufgehalten worden, und es wäre somit noch möglich gewesen, es zu lenken, wenn auch nicht zu retten. Als alles bereit war, ertönte das Kommando: Vorwärts! Das graue Ungeheuer begann, sich in den Abgrund hinabzusenken.
Es schien, als wolle es sich dafür rächen, daß es gezogen worden war. Jetzt war es das Automobil, das laufen wollte. Es paßte auf alle Unvorsichtigkeiten der Menschen auf, zur Flucht bereit, der geringsten Lockerung der Spannung nachgebend; man hätte glauben können, es erwarte den günstigen Augenblick zur Empörung und wolle sich die Bändigung seiner Kraft nicht länger gefallen lassen. Ein Augenblick hätte genügt, es hätte genügt, daß eine momentane Störung in dem Zusammenwirken der Kräfte eintrat, daß die Anstrengung der Muskeln in kaum merklicher Weise nachließ, und die große Maschine wäre hinuntergestürzt, uns alle mit sich reißend. Eine Zeitlang schien sie gegen die Hemmung durch die Bremsen unempfindlich zu sein. Nach hinten geworfen, das Kinn auf der Brust, die Füße gegen den Erdboden gestemmt, Beine und Arme gestrafft, die Zähne zusammengebissen, den Atem angehalten, so kämpften wir alle, Chinesen und Europäer, mit vereinten Kräften. Zum Glück war es nur für einen kurzen Augenblick. Die neuen, gut geölten Bremsen griffen nur langsam ein, aber endlich taten sie es doch. Ettore kannte seine Bestie und war voll Vertrauen; er wußte sie zur rechten Zeit zu zähmen. Als wir haltmachen wollten, legten wir große Steine unter die Räder mit der Eile eines, der eine Barrikade errichten will, um den Feind aufzuhalten. Dann ruhten wir aus und ließen das Automobil allein in einer recht vertrackten Lage vornübergeneigt zurück, während die langen Seile sich hinter ihm wie zwei mächtige Schweife am Boden entlang ringelten. Bald erreichten wir wieder die Ebene und nahmen froh unseren Marsch zwischen dem Gebirge und dem Hun wieder auf.
Der Pfad führte uns zu einem Dorfe, Schau-huai-huan, das halb versteckt zwischen dichten Weidenbäumen lag und von Reisfeldern umgeben war. Die Straße war sumpfig geworden. Der Boden, klebrig und naß, vom Regen durchweicht, gab nach. Die Räder versanken bis zur Hälfte der Speichen darin, und der zähe Schlamm setzte sich an den Radkränzen und den Gummireifen fest, häufte sich hier an und gab den Rädern die abenteuerlichsten Formen und Umrisse; es schien, als bewege sich das Automobil auf Rollen aus Erde. Auch unsere Stiefel erfuhren eine unbequeme Vergrößerung; der Schmutz bedeckte sie mit dicken Krusten, die wir von Zeit zu Zeit durch Schütteln und durch Wegschleudern entfernten. Wir glitten aus, das Ausschreiten wurde uns schwer. Die Kulis mußten jede Minute halten und ausruhen. Wir begegneten einer Karawane von Maultieren, die mit mongolischen Fellen beladen waren; zwei Tiere wichen, erschreckt durch das Automobil, vom festen Pfade ab und versanken bis an den Leib.