Wir wollten die ganze Strecke von Hsin-wa-fu bis Kalgan, etwa 40 Kilometer, mit dem Motor zurücklegen, mit Ausnahme des Passes von Yu-pao-tung, einem sehr steilen, aber kurzen hügeligen Übergang, der ungefähr in der Mitte des Weges lag. Ein Teil unserer Leute war schon nach Yu-pao-tung vorausgeschickt worden und hatte um Mitternacht die Herberge verlassen. Wir fanden jedoch die Straße so schlecht, sumpfig, steinig und sandig, daß wir für die ersten 15 Kilometer noch auf die Beförderung durch Ziehen angewiesen waren.
Am 14. Juni 5 Uhr früh nahmen wir langsam unseren Marsch wieder auf unter dem eintönigen Geräusch der Schritte der an die Seile gespannten Chinesen. An Dünen vorbei bewegten wir uns durch weite sandige Ebenen.
Die Menge des Sandes, die die Winde der Mongolei aus der Wüste in die der Grenze benachbarten chinesischen Landschaften tragen, ist unglaublich. Der Sand häuft sich vom Norden her an jeder Felsspitze, an jedem Hindernis auf, gleich dem von Stürmen gepeitschten Schnee. An den Mauern von Hsin-wa-fu hat er sich so hoch emporgetürmt, daß er sie schließlich beinahe begraben hat. Nur die Zinnen ragen noch hervor.
In einer halben Stunde hatten wir den Paß von Yu-pao-tung passiert, eine steile Einsattelung von wildem Aussehen, die sich aber in der Tat ziemlich freundlich erwies, da sie uns keine andern Schwierigkeiten in den Weg legte als eine Böschung von 40% Steigung und die Anwesenheit einiger Steine, die sich willig beiseite schieben ließen, um den Weg freizugeben. In dieser kleinen Schlucht zieht sich abgesondert, erhöht und deswegen gut erhalten, ein Stück Straße hin, das mit breiten Steinen gepflastert ist, die nicht aus der Gegend stammen und von dem Berge Schi-schan jenseits von Kalgan hierhergeschafft worden sein müssen. Es ist dies ein überraschender Rest alter chinesischer Zivilisation. Es hat also einmal wirkliche schöne, bequeme Straßen gegeben! Was war China in jenen fernen Zeiten? Welcher Verkehr, welcher Strom von Reichtum ergoß sich über Täler und Ebenen, auf wunderbaren Straßen und über prächtige Brücken nach Peking? Wie viele Jahrhunderte sind seitdem verstrichen?
Vor einem kleinen, zierlichen, von Bäumen umgebenen Tempel machen wir halt, um den Motor in Ordnung zu bringen und alles Nötige vorzubereiten, damit wir ohne fremde Hilfe bis Kalgan gelangen können. Maultiertreiber, Landleute, Kinder waren herbeigekommen, und, von den Kulis ausgesprengt, hatte sich die Kunde von dem Ereignis weithin verbreitet und war auch in den Tempel gedrungen. Ein junger Mönch erschien oben auf der Treppe, die zu dem Heiligtume führte, sah herunter und verschwand, um kurz darauf wiederzukommen, am Arme einen alten Mönch mit gebeugtem zitterndem Haupte stützend und führend. Wir bemerkten, daß der Greis blind war. Der Jüngling berichtete ihm alles, was sich zutrug. So nahm der Blinde, ohne zu sehen, teil an der wunderbaren Fahrt des Zauberwagens durch jene Gegenden, die er so gut kannte durch das Licht und die Erinnerungen seiner Jugend.
Erste Begegnung mit Mongolen.
Diese Blindheit erschien uns als ein Symbol, als das Symbol der chinesischen Psyche. War nicht um uns ein Volk versammelt, das ausschließlich von der Vergangenheit zehrte, und erlebte es nicht, ohne ihn recht zu sehen, den mächtigen Einbruch einer ihm unbekannten Gegenwart? Was anderes ließen wir unter diesen Völkerschaften zurück als die Erinnerung an eine geheimnisvolle Gewalttat?
Wir fuhren in Schlangenlinien durch Flußbetten, auf vom Wasser ausgehöhlten Straßen. Als wir auf dem Grunde eines breiten Grabens entlang fuhren, blieben wir plötzlich im Moraste stecken. Die Räder drehten sich, ohne festen Halt zu finden, wühlten den Pfuhl auf, bohrten sich in ihn ein und versanken.