„Mit aller Kraft rückwärts!“ rief der Fürst.

Die Räder drehten sich in entgegengesetzter Richtung, aber das Automobil bewegte sich nicht einen Millimeter.

Der Motor wurde warm, und man mußte befürchten, daß er sich erhitzte. Chinesen, die vom Markte in Kalgan zurückkehrten, kamen auf dem Rande des Grabens vorbei. Wir baten sie, uns zu helfen, aber sie nahmen ihre Beine in die Hand und flohen davon, unter dem Gewicht ihrer Traghölzer schwankend. Das große Ding, das heulte, schnaufte und Rauch ausstieß, hatte sie erschreckt. Wir hatten uns schon resigniert dazu entschlossen, die Ankunft der Kulis abzuwarten; nach einer halben Stunde jedoch bemerkten wir, daß die herniederbrennende Sonne zum Teil den von den Rädern weggeschleuderten Morast getrocknet und hartgemacht hatte, und erneuerten unsere Anstrengungen. Nach einigen Minuten stellten wir fest, daß die Maschine sich, wenn auch fast unmerklich, zu bewegen begann. Die Räder drehten sich mit einer Geschwindigkeit von 90 Kilometern die Stunde, und das Automobil lief 90 Zentimeter. Es gelang uns, es einen Meter, dann zwei, dann fünf zurückzubringen. Und nun von neuem mit aller Kraft vorwärts! Es fuhr dieselbe Strecke vorwärts, stöhnend und den Rauch explosionsartig ausstoßend. Langsam machte es Fortschritte, wobei es in allen Teilen erzitterte, und gelangte endlich auf trockenes Gelände. Hier schoß es mit einem Male mit einem Katzensprung vorwärts — das Automobil war frei!

Kalgan liegt hinter Bäumen versteckt an der Mündung eines Tales. Wir erblickten es unvermutet bei einer Biegung der Straße. Es erschien mit einem Schlage mit seinem eigenartigen chinesischen Panorama, ähnlich jenen Städten, die man auf den gewirkten Tapeten von Fukien sieht. In malerischer Mannigfaltigkeit zieht die Stadt sich am Ufer eines breiten steinigen Flusses — des Ta-ho („Großer Fluß“) — hin und hebt sich mit ihren alten Pagoden, Peilos (Votivbogen) und seltsam geformten Tempeldächern von dem Alpenhintergrunde ab, den die braunen, steilen Abhänge des Schi-schan bilden. Sie ist unregelmäßig gebaut und besteht aus bunt durcheinander gemischten Gruppen von Hütten, Palästen, Bäumen, aus einem wirren Haufen von Gebäuden und Pflanzen, der sich an der großen steinernen Brücke über den Ta-ho zusammenzudrängen scheint, um sich am andern Ufer fortzusetzen.

Wir haben die Brücke nicht benutzt. Die antiken monumentalen chinesischen Brücken flößten uns allzu großen Respekt ein, und wir zogen die Furten vor. Wir stiegen in das Flußbett hinab, wo ein ganzes Volk von Gerbern damit beschäftigt war, in der Strömung hohe Stapel mongolischer Ziegenfelle mit flockiger Wolle zu waschen. In der Luft machte sich der Geruch von Leder und Gerberlohe bemerkbar; er kam aus der Stadt, durch deren enge Gassen wir fuhren. Wir zogen an von Zäunen umgebenen Lehmhütten, an Vorstadtwohnungen vorüber, die einen primitiven Anblick boten und schon von der Nachbarschaft unzivilisierter Volksstämme Zeugnis ablegten. Endlich gelangten wir auf einen Markt, der von Mongolen in Pelzmützen wimmelte; er war mit Buden besetzt, stand voller Wagen und Pferde und hallte von Geschrei und Lärmen wider. Die Leute sahen uns erstaunt nach, und wir fühlten, wie uns das Schweigen folgte wie das Kielwasser einem Schiffe. Soldaten in roten Jacken liefen vor einer Sänfte einher, die von berittenen Offizieren umgeben war, von denen einer feierlich einen roten Sonnenschirm, das Abzeichen des Kommandos, trug. In der Sänfte saß ein Großmandarin, der Gerichtspräsident von Kalgan, ein schöner Chinese, fett und rund, ähnlich jenen Porzellanpagoden mit wackelndem Kopfe, die stets ja zu sagen scheinen. Wir betraten die „Oberstadt“, die sich an den Wall anlehnt. Mitten auf dem Wege erwartete uns ein Europäer.

Es war Herr Dorliac, der Direktor der Filiale der Russisch-Chinesischen Bank, der uns seine Gastfreundschaft anbot.

Dankbar nahmen wir die freundliche Einladung dieses Eremiten der Zivilisation an, der fern von seinesgleichen in einer Art von chinesisch-europäischem oder sagen wir russisch-chinesischem Hause wohnt und die Eingeborenen in die Geheimnisse des Wechselgeschäfts einweiht. Der Hof der Bank wurde zur Werkstatt Ettores, die Geschäftsräume zum Quartier umgewandelt. In wenigen Stunden nahm die „Itala“ wieder ihr normales Aussehen an, nachdem Ettore der Packkiste den Abschied gegeben und die Karosserie mit ihren Behältern wieder an Ort und Stelle gebracht hatte. Hier fanden wir unseren ersten Reservevorrat an Benzin und Öl vor. Um eine etwaige Erwärmung des Motors zu vermindern, wurden in Voraussicht hoher Temperaturen an den Zylindern Auspuffrohre angebracht, wie die Rennmaschinen sie besitzen; sie sind an das Motorgehäuse angeschraubt und ähneln zwei kleinen Phonographenschalltrichtern; durch sie können die glühendheißen Benzindämpfe unmittelbar nach ihrer Entstehung ins Freie entweichen.

Die Arbeiten Ettores wurden von einer riesigen Zuschauermenge überwacht. Die Polizeibehörden hatten sechs Soldaten zur Bewachung des Einganges der Bank geschickt mit dem Befehl, niemand eintreten zu lassen. Ein großer Irrtum! Jeder chinesische Soldat hat natürlich eine gewisse Anzahl Freunde, Verwandte, Gläubiger, gegen die er sich gefällig und liebenswürdig zeigen muß, indem er sie durchläßt, wenn er Wache steht. Die Anzahl aber der Gläubiger, der Verwandten und Freunde von sechs Chinesen beträgt die Hälfte der Einwohnerschaft einer Stadt. Dies war der Grund, warum durch eine mit Riegeln verschlossene, durch Balken verrammelte und von sechs Schildwachen behütete Tür eine Menschenflut in ununterbrochenem Andrang hereinströmte. Wären die Wachtsoldaten zwölf an der Zahl gewesen, die Bank wäre demoliert worden. Viele Zuschauer waren auf die nächsten Dächer gestiegen, und Scharen von Neugierigen pilgerten nach dem Berge Schi-schan, wo sie ungeachtet der Gefahr der Bergstürze, die auf dem Schi-schan unausgesetzt Opfer fordern, auf die Felsenvorsprünge kletterten und von weitem nach den Geheimnissen Europas spähten.

Es kamen Missionare zu Besuch, die auf chinesische Art gekleidet waren, aber europäische Hüte trugen; sie erzählten mit großer Anschaulichkeit von den Greueln des Boxeraufstandes in Kalgan, bei welchem sicherlich aus jedem Missionar ein Schlachtopfer und ein Märtyrer geworden wäre, wenn nicht alle Missionare vorher nach der Mongolei entflohen wären. Einer von ihnen gab uns wertvolle Aufschlüsse über die Mongolei, die er genau kannte. Vor soundso viel Jahren war er dorthin gegangen, um Bibeln zu verteilen und Pferde zu kaufen, wobei er nach beiden Seiten ausgezeichnete Geschäfte gemacht hatte. Auch die russische, aus drei Mitgliedern bestehende Kolonie fand sich vollzählig ein, und beim Samowar hörten wir ihre tiefen Stimmen liebevoll und mit einer Art Heimweh von Sibirien sprechen. Da wir uns in diesem Augenblick unter Europäern befanden, russischen Tee und die ausgezeichneten Erzeugnisse der russischen Küche zu uns nahmen, so unterlagen wir beinahe der Illusion, schon mehrere tausend Kilometer zurückgelegt zu haben. Wir hatten jedoch, ach! nicht mehr als ungefähr 240 hinter uns, davon nur 95 mit dem Motor.