Allerdings klingt der Ausdruck malerischer, als es in Wirklichkeit war. In der Mongolei fehlt es an jedem vegetabilischen Brennstoff, und die Bewohner brennen Kameldünger, der an der Sonne getrocknet wird. Wir waren also weit von lustig flackernden Lagerfeuern entfernt. Als Ersatz dafür besaßen unsere Genossen herrliche Benzinöfen. Wir hatten uns in dieser Hinsicht nicht vorgesehen, hatten keinen derartigen Apparat besorgt und nahmen in genialer Weise unsere Zuflucht zu der Lötlampe, wie sie jedes Automobil mit sich führt. So waren unsere Biwakfeuer beschaffen, um die wir uns in Hemdärmeln geschäftig hin und her bewegten. Du Taillis überwachte das Kochen einer wundervollen Suppe, die aus schokoladenähnlichen Tafeln hergestellt wurde und alle erforderlichen Nährstoffe enthielt. Ich suchte mit Hilfe der Lötlampe Wasser zum Sieden zu bringen. Die Küche war also, wie man sieht, gänzlich dem Journalismus anvertraut; aber — es tut mir der Ehre des Journalismus wegen leid, es zu gestehen — die Ergebnisse im italienischen Lager waren jammervoll. Unser Essen roch entsetzlich nach Benzin, Petroleum und ranzigem Fett.
Mit einem Male kamen drei Mongolen zu Pferde an. Wir waren ihnen einige Stunden zuvor begegnet und hatten sie überholt. Einer von ihnen, ein junger Mann von athletischen Formen, trug ein Gewand aus pfauenblauer Seide und einen spitzen Hut aus gelber gestickter Seide und machte den Eindruck eines Häuptlings. Sie sprangen aus dem Sattel, gaben ihren Pferden Futter, breiteten ihre Decken neben uns aus, zündeten ein Feuer an, und zwar mit dem erwähnten Brennmaterial, von dem die Mongolen stets einen Sack voll mit auf die Reise nehmen, und lagerten sich. Der junge in Seide gekleidete Mann näherte sich uns, begrüßte uns lächelnd durch tiefe Verbeugungen und zeigte für alles, was er sah, eine kindliche Neugierde. Er begann mit uns eine lebhafte aber geheimnisvolle Unterhaltung, während deren wir uns heldenhaft anstrengten, uns gegenseitig verständlich zu machen. Zum Glück besaß der Fürst ein wertvolles Manuskript, das einige hundert mongolische Wörter mit ihrer Übersetzung enthielt, und es gelang uns folgendes zu verstehen: daß der Sprecher wirklich ein Häuptling war, daß wir dicht an seinem Dorfe vorübergekommen waren, und daß er uns einlud, in seinem Hause zu rasten. Alles das war gut und gern einige Büchsen Cornedbeef wert, und wir überreichten sie feierlichst der erlauchten Persönlichkeit, deren Freude und Dankbarkeit unerschöpflich schienen.
In diesem Augenblicke hörten wir den Galopp eines Pferdes. Es war dunkel geworden, und wir erkannten erst dann einen chinesischen Soldaten in dem Reiter, als er einige Schritte vor uns stehenblieb und fragte:
„Po-lu-ghe-se?“
Der Fürst (was tut nicht die Gewohnheit!) erkannte in jenen Lauten die chinesische Form seines Namens und ging dem Soldaten entgegen. Dieser stieg vom Pferde und reichte ihm ein Paket Briefe. Es war die Post, die letzte Post aus Peking, die vormittags 9 Uhr in Kalgan eingetroffen war. Jener Mann hatte in elf Stunden mehr als 95 Kilometer zurückgelegt! Er hatte vom Tu-tung den Befehl erhalten, uns einzuholen, und er hatte uns eingeholt. Als er seinen Auftrag ausgeführt hatte, sprang er wieder in den Sattel, bevor wir noch daran denken konnten, ihn zurückzuhalten, und ritt davon. Was für prächtige Soldaten würden die Chinesen abgeben, wenn sie nur Mut besäßen!
Begegnung mit einer Kamelkarawane in der Wüste.
Diese unvermutete Ankunft von Nachrichten mitten in der Steppe, in der Feierlichkeit des Abends, in der Stunde, die die Einsamkeit tiefer und drückender macht, erschien uns seltsam. Es waren Briefe mit Abschiedsgrüßen, mit Wünschen für das gute Gelingen unserer Fahrt, Freundesworte, die uns hier am Saume der Wüste erreichten und uns an diesem Orte noch gehaltvoller und bedeutsamer erschienen. Als wir sie im Lichte der Dämmerung gelesen hatten, plauderten wir noch längere Zeit, auf unserem Gepäck sitzend und rauchend, während die Dinge um uns her verschwammen, in Dunkelheit versanken und unsere Gesichter sich nach und nach in Schatten hüllten und jeden Umriß verloren. Es scheint, als vergrößere die Finsternis die Entfernungen und isoliere uns; sie läßt uns schließlich verstummen, weil sie in uns die Empfindung weckt, als seien wir allein. Auch wir schwiegen, als wir in der Dunkelheit nur noch das Glimmen unserer Zigaretten und einen Schimmer weißen Papiers auf der Erde erkennen konnten. Der klare Himmel hatte sich mit Myriaden von Sternen bedeckt.
Unsere mongolischen Nachbarn waren um das erloschene Feuer eingeschlafen; es hatte sich ein Vierter zu ihnen gesellt, der auf einem Kamel angekommen war. Das bucklige Tier, zusammengekauert und unbeweglich, hob sich von dem letzten Schimmer im Westen ab und nahm eine monumentale Großartigkeit an, ähnlich jenen Riesenkamelen aus Stein, die die Gräber der Mingdynastie schmücken. In der Ferne hörte man den Hufschlag von Pferden. Die Chinesen aus dem nahen Dorfe waren verschwunden.
„Begeben wir uns zur Ruhe!“ rief Don Scipione. „Morgen müssen wir um 3 aufstehen.“