„Nein, beim ersten Haltepunkte. Wir fahren nicht weit.“
„Was lassen wir von dem Gepäck zurück?“
„Alles, was nicht unumgänglich notwendig ist. Wir werden ja sehen.“
Alter Priester vom lamaistischen Tempel in der Wüste.
Inzwischen wurde die Straße besser. Auf einer Strecke von einigen hundert Metern konnten wir auch rascher fahren. Alle Augenblicke bekamen wir winzige chinesische Dörfer zu Gesicht, die, von Gersten- und Kao-liang(Hirse)feldern umgeben, gleich Oasen in der öden Ebene lagen. Sie stellen die chinesische Kolonisation dar.
China breitet sich langsam, aber sicher in allen sogenannten eroberten Gebieten aus, in Turkestan wie in der Mongolei. Mit kleinen Garnisonen und nur wenig Beamten beherrscht es unermeßliche Landstriche, die von einer kriegerischen, aber zerstreut wohnenden Bevölkerung bewohnt werden. In diese Gegenden strömt die chinesische Auswanderung, die die Bebauung der Felder an den Boden fesselt. Es ist der Ackerbau, der nach und nach die Gebiete der nomadischen Völkerschaften in Besitz nimmt: eine mächtigere Kraft als die der Heere, weil der Nomade das Land nicht liebt und nicht verteidigt; er zieht sich nach den freien Räumen zurück; er weicht, ohne sich dessen bewußt zu werden.
Die chinesische Bevölkerung dehnt sich gegenwärtig nach Westen hin in einer Weise aus, wie es seit Jahrhunderten nicht geschehen ist. Es ist dies eine ganz neue Bewegung, die sich in aller Stille und völlig unbemerkt im Herzen Asiens vollzieht. Die Ausbreitung Chinas, in der Richtung auf das Gelbe Meer durch die Interessen der gesamten zivilisierten Welt gehemmt, findet landwärts ein geeignetes Feld und schreitet in manchen Gegenden in je zehn Jahren um 70 bis 90 Kilometer vor. Und China hat eine furchtbare Aufsaugungskraft; es wandelt die Völker um, macht sie zu Chinesen. So gibt es in der Mongolei alte Handelszentren, in denen man nicht mehr mongolisch, sondern chinesisch spricht.
In der Nähe eines dieser Dörfer schlugen wir unser Lager auf. Bei unserem Anblick flohen die Frauen, auf ihren kleinen verkrüppelten Füßen forthüpfend, um sich zwischen den Anpflanzungen der entgegengesetzten Seite des Dorfes zu verstecken. Vielleicht trauten sie uns übermäßig galante Absichten zu. Die Männer dagegen kamen herbei und beobachteten uns, während wir das Dach des Automobils in ein großes Lagerzelt verwandelten, das, in der Mitte des Automobils befestigt, bestimmt war, uns und der Maschine Schutz zu gewähren. In kurzer Entfernung lagerten die beiden „de Dion-Bouton“, der „Spyker“ und der „Contal“ in klug ersonnener Weise: die Automobile im Kreise herum und in der Mitte die Zelte, wie es bei militärischen Expeditionen üblich ist.
Der Fürst hatte sich entschlossen, die „Itala“ um die Schutzwände, die eisernen Klammern, die den Baldachin festhielten, die Auspuffrohre, einige eiserne Stäbe, die wir mit uns führten, um sie als Hebel zu benutzen, eine Spitzhacke und die Hälfte der Lebensmittel zu erleichtern. Wir schenkten diese Gegenstände den Chinesen, die uns bei unseren Arbeiten halfen. Wer uns einen Eimer Wasser brachte, erhielt eine Schutzwand, eine Spitzhacke derjenige, der uns Eier gab. Diese braven Leute hielten uns für Narren; sie kehrten froh nach Hause zurück, Eisenstäbe schleppend oder Konservenbüchsen in einem Zipfel ihres Gewandes tragend. Dann wurden die Biwakfeuer angezündet.