Allerdings hat der kleine Chinese von Pang-kiang den Trost, sich an zweierlei ergötzen zu können: einem Kindchen und einem Telegraphenapparat. Die Liebe zu beiden ist es, die sein Leben ausfüllt. Das Kindchen ist seine Tochter, und der Apparat ist sein Freund. Stundenlang vertieft er sich in das Ticktack der Tasten und des Empfängers und vernimmt in ihm Stimmen aus fernen Welten: es spricht Petersburg, es spricht London, es spricht Tokio. Er übt das Amt des Vermittlers aus: durch seine Hand gehen Nachrichten, Befehle, geheimnisvolle diplomatische Mitteilungen, leidenschafterfüllte Worte. Ist die großartige Unterhaltung der Erdteile untereinander verstummt, so benutzt der Telegraphist die freie Linie und beginnt eine bescheidenere Unterhaltung. Die Telegraphenämter der Wüste tauschen Grüße untereinander aus, sprechen miteinander über die kleinen Tagesereignisse, über ihren Kummer, ihre Hoffnungen.
Solche Unterhaltungen vertreten für diese Einsiedler die Stelle der Zeitung.
Die Telegraphenstation von Pang-kiang ähnelt dem Hause eines chinesischen Landmanns: drei kleine, niedrige, aus gestampftem Lehm errichtete Gebäude, im Innern erhellt durch breite, eine ganze Wand einnehmende, mit Papier ausgefüllte Gitterfenster. Die Gebäude nehmen drei Seiten eines Quadrats ein und sind von einer hohen Mauer umgeben, die nur einen Ausgang nach Süden hat und von einer Bekrönung aus Telegraphenisolatoren überragt wird, einem seltsamen Ornamente, das an eine lange Reihe weißer Zähne in dem Kiefer eines Toten erinnert. An der nördlichen Seite der Mauer hat der Wind Sandmassen angehäuft. An stürmischen Tagen überflutet der Sand alles; er dringt durch die Fensterflügel, treibt in jedes Zimmer, der Himmel verfinstert sich, die Luft wird trübe, draußen kann man auf zwei Schritte Entfernung nichts erkennen, die Telegraphendrähte pfeifen und heulen, und die Dunkelheit ist derart, daß man Licht anzünden muß. Der letzte Sturm hatte vier Tage vor unserer Ankunft gewütet.
Außer dem Telegraphisten leben noch drei Männer in diesem Gehöfte: zwei Chinesen und ein Mongole, die mit den Arbeiten an der Linie betraut sind; sie haben die von den Stürmen zerrissenen Drähte auszubessern und die umgeworfenen Stangen wieder aufzurichten. Es stehen ihnen drei Kamele zur Verfügung, die in der Nähe weiden. Wir hatten diese drei Tiere bei unserer Ankunft gesehen; sie streckten uns ihre komischen, friedfertigen Schnauzen entgegen, die an ein faltenreiches, selbstzufriedenes, vorweltliches Tier gemahnten.
Das beste Zimmer war für uns hergerichtet. Auf den Kangs lagen Decken und Kissen von flammendem Rot, und auf einem Tische stand duftend und frisch — ein köstlicher Anblick — eine prächtige Ananas aus Singapore, die eben erst aus ihrer Büchse genommen worden war. Wir fielen zuerst über die Ananas her, dann warfen wir uns auf die Decken. Und auf diesem Triklinium ausgestreckt, schrieb ich in Reinschrift die Eindrücke des Tages auf Formulare der kaiserlich chinesischen Telegraphenverwaltung nieder.
Als unser Gastfreund in den Besitz meiner Depesche gelangt war, um sie zu befördern, setzte ich mich neben ihn. Er war ein wenig verlegen, zog chinesische Verordnungen zu Rate, sah Tabellen nach, zählte wiederholt die Worte des Telegramms und schrieb dann sorgfältig auf die obere Seite des Formulars „Nr. 1“.
„Ist dies das erste Telegramm am heutigen Tage?“ fragte ich ihn.
„Nein, Herr,“ antwortete er mir, „es ist das erste des Telegraphenamtes.“