„Was ist das, was da flieht?“ rief mit einem Male Ettore und zeigte mit der ausgestreckten Hand nach unserer Rechten. Es war eine Antilope. Etwa 100 Meter von uns entfernt, brachte sie sich in dem raschen und eleganten charakteristischen Trabe der Antilopen, der weit schneller ist als der Galopp eines Pferdes, in Sicherheit.
„Folgen wir ihr?“ rief ich aus.
Der Vorschlag, die Antilope mit einem auf die Geschwindigkeit von 90 Kilometern in der Stunde gebrachten Automobil zu jagen, erschien uns über die Maßen verlockend. Aber der Fürst machte geltend, eine Jagd könnte uns weitab führen und wir hätten noch einen weiten Weg vor uns. Es gab außerdem einen Grund, der noch viel stärker zugunsten der Freiheit jeder Art Wildes sprach, und dieser bestand darin, daß wir keine Flinte besaßen!
Einen Augenblick später gelangten wir in die Nähe eines kleinen Trupps Gazellen mit grauen Rücken und weißen Füßen, gewandt wie Füllen und zierlich in ihren Bewegungen. Sie flohen erschreckt von dannen, eine hinter der andern; in der Ferne blieben sie stehen und bogen ihren geschmeidigen Hals zurück, um jenes nie erschaute Wesen zu betrachten, das in den Frieden ihrer Weideplätze einbrach. Ihre Wahrnehmungen schienen sie nicht allzusehr zu beruhigen, da sie sich von neuem zur Flucht wandten und in langer Reihe verschwanden.
Weit seltener begegneten wir Menschen. Fünf bis sechs Mongolen zu Pferde versuchten uns zu folgen; sie befanden sich einen halben Kilometer entfernt uns zur Seite und galoppierten lange Zeit, lebhaft gestikulierend, hinter uns drein.
Plötzlich sahen wir auf der öden Steppe etwas Weißliches schimmern, das uns ein Palast zu sein schien, ein Palast mit andern kleinen, weißen Baulichkeiten ringsum. Wir lenkten unsere Fahrt auf jene seltsame Gebäudegruppe zu, und als wir näherkamen, bot sich uns ein Anblick aus uralter Zeit.
Wer kennt nicht aus den gelehrten Rekonstruktionen unserer Archäologen die Stile der alten asiatischen Kulturen? Wer hat bei dem Gedanken an den Anblick, den Babylon und Ninive gewähren mußten, sich nicht gewaltige massige Gebäude vorgestellt, mit leicht nach innen geneigten Wänden gleich Pyramidenstumpfen, die den Schein großartig wirkender Verkürzungen erwecken, mit Fenstern und Türen, die unten breiter sind, einfach und majestätisch wie Grabmäler? Einige Ruinen des alten Ägyptens bieten ein Beispiel von jener Pyramidenlinie, die den Mauern eine Festigkeit von Jahrtausenden und den Schein des Riesenhaften verleiht, die eine wunderbare perspektivische Wirkung hervorbringt, als sei die Breitenabnahme nach oben eine Folge kolossaler Höhe.
Die ersten Berge in der Wüste von Urga.
Als die photographische Kunst uns Lhasa enthüllte, haben wir jene Wirkung wiedergefunden und waren von der außergewöhnlichen biblischen Strenge der verbotenen Stadt überrascht, die uns architektonische Formen vergangener Kulturperioden noch lebend zeigte, Formen, die nicht mit der Religion aus Indien gekommen waren, auch nicht mit der politischen Oberhoheit aus China, sondern die aus Westasien in einer um zwei- bis dreitausend Jahre zurückliegenden Zeit nach Tibet gebracht sein müssen. Die Absperrung, die Unbeweglichkeit, die Ruhe und der Buddhismus, die aus Tibet ein Heiligtum gemacht haben, haben die Überlieferung, wenn auch nicht den inneren Sinn einer Kunst aufrechterhalten.