Wir befanden uns vor Gebäuden dieses selben Stiles. Aber sie wirkten allerdings bei weitem nicht so überwältigend wie die Akropolis von Lhasa. Die Wüste bietet keine Baumaterialien und wer weiß, von wo man die Steine auf dem Rücken von Kamelen hierhergebracht hat. Es war die Form und nicht die Größe, die ihnen majestätische Strenge verlieh. Und vielleicht war auch die Bedeutung, die wir dieser Form beimaßen, waren die Analogien, an die sie uns erinnerte, weiter nichts als Ausgeburten unserer eigenen Phantasie.

Das Hauptgebäude war ein ganz aus weißem Kalkstein errichteter lamaistischer Tempel, der am oberen Rande mit einem roten Terrakottafries in griechischem Geschmack von schlichter Anmut geschmückt war. Eine ähnliche Umrahmung umgab die Türen und die trapezförmigen Fenster, von denen jedes durch ein kleines Dach geschützt war. Lange Bronzerohre, die den Rudern einer Galeere glichen, ragten oben hervor, um das Regenwasser von der Terrasse abzuleiten. Die Gebäude ringsum, die viel kleiner waren, glichen dem Tempel. Wir nahmen an, daß es die Wohnungen der Mönche seien. Wir verließen das Automobil und schritten zu Fuß durch die heiligen Räume. Es war niemand darin. Sie schienen verlassen. Wir hörten keinen Laut, kein Geräusch.

Wir standen im Begriff, „an Bord“ zurückzukehren, als aus einer Pforte ein alter Mann mit kleinen Schritten herausgetrippelt kam. Bei unserem Anblick blieb er stehen. Er war hochgewachsen, in ein seltsames Gewand gekleidet, das die Arme nackt ließ, hager und hatte ein an eine alte Frau erinnerndes runzliges Gesicht. Wir näherten uns ihm, begrüßten ihn, photographierten ihn und sprachen auf ihn ein, ohne daß er sich bewegt oder geantwortet hätte. Er zeigte weder Verwunderung noch Furcht. Er schien in tiefe Meditation über das Geheimnis unseres Wesens und unserer Anwesenheit an diesem Orte versunken zu sein. Verständnislos betrachtete er uns. In seinen Augen sah man die Anstrengung, seine Gedanken zu konzentrieren. Es war unmöglich, sein Alter zu schätzen; er schien stark und zugleich hinfällig; auf seinem Gesicht hatten sich die Furchen eines unberechenbaren Greisentums eingegraben.

Fahrbereit an der Grenze der Mongolei.

Wir bestiegen wieder die Maschine und fuhren rasch davon; unbeweglich sahen wir noch den Lama dort stehen, den einsamen Alten, der uns fortwährend betrachtete, ohne verstehen zu können, was wir seien.

Der Weg stieg merklich bergan. Gegen 8 Uhr gelangten wir auf die Höhe eines Rückens. Die Steppe war abermals verschwunden. Es kehrte das fette, graue, einzelnstehende Gras wieder, das sich furchtsam in breite Flecke zusammengezogen hatte, die weite unfruchtbare und kahle Strecken zwischen sich ließen. Wir befanden uns an der Schwelle der eigentlichen Wüste.

Gobi bedeutet im Mongolischen Höhlung. Die Wüste bildet eine Einsenkung von unermeßlicher Ausdehnung in der Mitte der Mongolei; es ist die Höhlung, die „Gobi“, die einst ein Meer enthielt. Wir befanden uns am Gestade dieses verschwundenen Meeres. Es war ein richtiges Gestade, steil, ein jäher Absturz, entstanden durch den Anprall der Wogen. Wir standen im Begriff, in eine noch tiefere Ebene, auf den Grund dieses ehemaligen Meeres, hinabzusteigen. Diese Küste hatte ihre Einbuchtungen, ihre Vorgebirge, ihre Halbinseln. Vor uns erstreckte sich die unfruchtbare, gewellte Fläche ins Grenzenlose; sie schien sich am Horizont zu erheben infolge jener optischen Täuschung, die uns den Horizont des Meeres höher erscheinen läßt als sein Ufer.

Ein steiler, 20–30 Meter tiefer Abstieg führte uns auf harte, ebene Sandflächen, die von Stürmen heimgesucht worden waren. Und nun begann eine phantastische Fahrt durch die seltsamste und ödeste Landschaft, eine Fahrt, die Angriff und Flucht zu gleicher Zeit war.