Je weiter wir vordrangen, desto kahler, düsterer und trauriger wurde das Land. Bald war es glatt und eben, bald von jähen Erhebungen durchschnitten; bald bestand es aus kristallinischem Sand, der in der Sonne funkelte, bald war der Boden ein schiefriger Grund von der Farbe zusammengepreßten Lehms. Nirgends ein lebendes Wesen mit Ausnahme kleiner kurzer Eidechsen von einer Farbe, die der des Bodens so glich, daß sie unsichtbar waren, wenn sie sich nicht bewegten. Man hätte sie für winzige Bruchstückchen des Bodens halten können, die sich plötzlich belebten, um vor den Rädern des Automobils da- und dorthin zu flüchten.

Mongolisches Jurtendorf bei Urga.

Die Stunden vergingen in tödlicher Eintönigkeit. Die Hitze wurde mit der Zunahme des Tages glühend. Die Luft war unbeweglich, und mit Wohlbehagen atmeten wir den erfrischenden Hauch ein, den die rasche Fahrt uns ins Gesicht trieb. Ohne Übergänge gerieten wir aus der Kühle des Morgens in eine wahrhaft tropische Hitze. Eine sonderbare Erscheinung konnten wir beobachten; während die Sonne glühte, war der Schatten kalt. Wir hatten die Empfindung jemandes, der sich im Winter an der Flamme eines Kamins erwärmt; an der dem Feuer zugekehrten Seite verbrennt er sich, während er auf der andern vor Kälte erstarrt. Der Himmel war von unerbittlicher Klarheit, so durchsichtig, daß wir uns über die Entfernungen täuschten; wir sahen alles viel näher, als es in Wirklichkeit war. Der Horizont schien immer in der Entfernung von einigen Kilometern zu liegen, und doch fuhren wir stundenlang, ehe wir Bodenerhebungen erreichten, die wir auf große Entfernungen am äußersten Rande der Hügelkette gesehen hatten.

Diese unheimliche Durchsichtigkeit rührte von dem absoluten Mangel an Wasserdampf in der Luft her. Die Trockenheit der Luft bereitete uns Beschwerden, die sich von Minute zu Minute steigerten. Unsere Haut war wie durch Fieber ausgedörrt, es fehlte uns der Schutz einer Transpiration, die durch Verdunstung die Hitze mildert. Daher fühlten wir die Sonne auf Gesicht und Händen in so fürchterlicher Weise brennen, daß wir den Eindruck hatten, als befänden wir uns im Brennpunkte einer ungeheueren Linse. Den Tag zuvor hatten wir übrigens dieselbe Beobachtung gemacht, und bereits auf dem Wege nach Pang-kiang drängte sich uns die Vorstellung einer Linse als das passendste Bild auf; aber wir glaubten damals nicht, daß in der eigentlichen Wüste die Linse solche Dimensionen annehmen würde! Wir begriffen jetzt, weswegen die Karawanen nicht tagsüber auf dem Marsche sind. Aber wir konnten und wollten nicht haltmachen. Unsere einzige Erleichterung beruhte in der Schnelligkeit.

Wir fanden nur einen Brunnen. Gegen 10 Uhr stiegen wir eine weitere Terrainstufe, ein neues Ufer hinab, das wahrscheinlich eine Etappe des Meeres auf seinem langen Rückzuge bezeichnete, der vielleicht Myriaden von Jahrhunderten gedauert hat, bis das Wasser gänzlich verschwand. Der Boden war mit einer weißlichen Salzkruste bedeckt. An manchen Stellen erinnerte er mich an das Tote Meer, aber ohne das Grün des Jordans. Wir fuhren über ein totes Land, ein Land, das zu rasch gelebt hat. Wer weiß, vielleicht hatten wir das Abbild der zukünftigen Welt vor Augen, unserer Welt nach Millionen von Jahren, ausgetrocknet, erstorben, ausgestreckt unter einem unveränderlich klaren Himmel, was ihr in den unendlichen Weiten des Firmaments das Aussehen des Mondes verleihen wird.

Die grausigste Strecke der Wüste ist etwa 60 Kilometer lang. Die Karawanen suchen sie in einem einzigen Marsche zurückzulegen. Bei den letzten Brunnen füllen sie Schläuche und Fässer mit Wasser und brechen bei Sternenlicht auf. Ihr Weg wird durch bleichende Knochenhaufen bezeichnet. Gerippe von Kamelen, von Maultieren, von Ochsen, von Pferden liegen über die ganze Karawanenstraße hin verstreut, aber in der Wüste reiht sich diese Spur des Todes fast ununterbrochen aneinander. Oft überrascht der Sturm hier die dahinziehenden Tiere, trennt sie in der durch den aufgewirbelten Sand erzeugten Dunkelheit voneinander, zwingt sie zum Halten und tötet sie dann. Alle kranken, müden und ermatteten Tiere sind dem Tode verfallen. Es ist das Gebiet des Todes.

Ein unsagbares Todesbangen liegt über diesen Gefilden. Man weiß nicht, woher es stammt, vielleicht von dem trostlosen Anblick, den die Landschaft gewährt, von der niederdrückenden Seltsamkeit ihrer kahlen Umrisse, der unendlichen Eintönigkeit der Farbe oder mehr noch von dem lastenden angsterregenden Schweigen; es entströmt all und jedem und erweckt die Vorstellung einer unbekannten, nahe bevorstehenden Gefahr, einer ständigen Bedrohung, in die man sich resigniert ergibt. Man hat nur einen Gedanken oder vielmehr ein formloses, unbestimmtes, undeutliches, aber hartnäckiges Verlangen: zu fliehen, diese zur Leiche gewordene Welt nicht mehr zu betreten, frei von ihr zu sein. Man schaut nach dem Horizont wie nach einem Orte der Rettung und der Ruhe; man sieht jedem Engpasse mit Hoffnung entgegen; hinter jeder Höhe glaubt man unverhofft auf etwas Gutes zu stoßen. Aber die Engpässe ziehen vorüber, es ziehen die Höhen vorüber, der vor uns liegende Horizont wird zu dem hinter uns zurückbleibenden Horizonte; die Trostlosigkeit erscheint endlos. Das Denken ermattet, die Seele ertrinkt in einer unbezwingbaren Schwermut. Der letzte Halteplatz verliert sich in den Nebeln der Vergangenheit; der halb betäubte Geist verdunkelt sich; alles scheint in unermeßlicher Entfernung zu liegen, von den Schleiern der Vergessenheit umwallt — fern die Abfahrt, fern die Ankunft. Man weiß nur das eine: man wird ankommen und man muß ankommen. Und diese Vorstellung erzeugt eine große Kraft, die sich Geduld nennt. Ja, Geduld und vorwärts! Alle Widerstandskräfte des Geistes und Körpers werden im Dienste der Geduld gestählt. Wir schweigen schließlich, um nichts mehr von unserer Energie zu verschwenden. Und dann kostet ein Wort, mitunter auch nur ein Gedanke zu viel Anstrengung.

Gegen 10 Uhr befanden wir uns im Mittelpunkte der schlimmsten Strecke der Wüste Gobi. Die beiden äußersten Karawanenhalteplätze sind durch eine große Anzahl von Obos bezeichnet. Der Obo ist der Altar des mongolischen Nomaden; er ist vielleicht der erste Altar, den die Menschheit errichtet hat. Er besteht aus einem Steinhaufen.