Um vor dem Antritt der Wüstenwanderung den Schutz des Himmels anzurufen und nach der Durchquerung der Wüste den Göttern für die gewährte Rettung zu danken, nimmt der fromme Nomade einen Stein, legt ihn auf den Obo, beugt sein Knie und betet. Seit unserem ersten Betreten mongolischen Bodens, als wir uns noch in Sicht der Großen Mauer befanden, trafen wir Obos auf dem Kamme der Hügelkette an. Sie gleichen aber nicht denen der Wüste. Vielleicht waren sie verlassen, von den Stürmen umgeworfen und in formlose kleine Berge verwandelt worden. Die Obos, die wir an den Grenzen der ödesten Strecke antrafen, zeigten oft eine erschreckende Menschenähnlichkeit.
Auch sie erhoben sich auf kleinen Anhöhen und bestanden aus einer sorgsamen Steinanhäufung, deren Bekrönung von einem Ochsen- oder Pferdeschädel gebildet wurde. Sie schienen dem Todesgotte errichtet zu sein. Mehr als einmal erschienen uns diese Steinhaufen, die sich scharf von dem strahlenden Himmel abhoben, von fern als Menschen, und in den weißen Schädeln glaubten wir deren Gesichter zu erkennen. Es waren ihrer so viele, daß sie dicht gedrängt standen. Das Vorhandensein einer Menge, gleichviel welcher Zusammensetzung, war für uns ein Grund zur Befriedigung. Es war eine Unterbrechung der grenzenlosen Einsamkeit. In der Wüste werden sich alle Menschen lieb und wert, nicht sowohl infolge eines Gefühls der Verbrüderung der Menschheit oder eines Verlangens nach Zusammenschluß gegen die Gefahren, als vielmehr nur durch den erhebenden Anblick von etwas Lebendigem. Wir betrachteten forschend alle jene aufrechtstehenden Menschen; dann stutzten wir ob ihrer Unbeweglichkeit; wir glaubten, daß sie uns vielleicht gesehen hätten und vor Erstaunen stillständen. Mit einem Schlage umfing uns die Einsamkeit von neuem und schmerzvoller als zuvor, als wir jene Menge zu Stein werden, die Gesichter sich in Schädel verwandeln sahen wie infolge einer verhängnisvollen Beschwörung.
Am Fuße jedes Obo lagen Papierstreifen mit darauf geschriebenen Gebeten in tibetischen Schriftzeichen oder von der Zeit entfärbte Fähnchen, auch sie mit Spuren frommer Inschriften bedeckt. Der Mongole gibt sich dem poesievollen Glauben hin, daß der Wind, wenn er diese Papierstreifen und Fähnchen bewegt, die darauf geschriebenen Gebete emporträgt und Buddha überreicht; wenn die Luft darüber hinstreicht, so füllt sie sich mit den Gebeten, wie sie sich mit Wohlgerüchen erfüllt, wenn sie über Blumen dahinstreicht und sie hin und her bewegt. Bietet die Verwendung des Weihrauchs bei unseren religiösen Zeremonien nicht eine gewisse Analogie hierzu? Wir verdankten den Obos eine Wohltat; ihre Errichtung bedeutete das Freisein des Weges von allen Steinen. Und wer weiß, ob der Ursprung dieses eigenartigen religiösen Brauchs im Grunde nicht auf die Notwendigkeit zurückzuführen ist, die steinigen Straßen zu verbessern, und ob die Gewohnheit, Steine vom Wege aufzuheben, nicht bei einem Volke, das jeder Handlung und jedem Ereignis eine mystische Bedeutung beimißt, zum Ritus geworden ist?
Wir mußten uns davon überzeugen, daß der Kühlapparat, diese Lunge des Automobils, schlecht atmete. Infolge der großen Hitze war es dem von der Fahrgeschwindigkeit erzeugten Luftzug nicht mehr möglich, das die Zylinder umspülende Wasser abzukühlen, das vielmehr mit ununterbrochenem heftigem Zischen in Dampfform dem Ventil des Kühlapparates entströmte. Seit langer Zeit (uns kam die Zeit wenigstens lang vor) suchten wir nach Brunnen, um das Wasser im Motor zu erneuern. Wir wollten den in unserem Behälter aufbewahrten Vorrat nur im äußersten Notfalle angreifen. Er enthielt kaum 50 Liter, und es war ein Gebot der Vorsicht, diese aufzusparen; ein Bruch der Maschine konnte uns Schiffbruch erleiden lassen, und dieser Vorrat würde unsere Rettung sein.
Mongolische Schönheiten.
„Ein Brunnen!“ rief von Zeit zu Zeit einer von uns, den Horizont betrachtend — „dort, ein Brunnen, ich bemerke Feuchtigkeit, die Erde hat einen dunkeln Fleck!“
„Ja, ja“, antworteten die andern.
Die Selbsttäuschungen sind ansteckend.
Der dunkle Fleck war nicht vorhanden; es war ein Schatten. Wir waren gezwungen, unsere Zuflucht zu dem mitgebrachten Wasser zu nehmen, und hielten an, um es umzugießen. Der Boden schien unter unseren Füßen zu brennen; eine erstickende Schwüle und eine Augenschmerzen verursachende Lichtfülle strömten von ihm aus. Wir wurden von einem fast unerträglichen Durst gequält. Als wir das klare Wasser aus dem Behälter herausfließen sahen, konnten wir der Versuchung nicht widerstehen und tranken gierig davon, mit geschlossenen Augen, um größeren Genuß zu haben, den Mund an das Rohr gepreßt, dasselbe Rohr, das zum Umfüllen des Benzins diente. Das Wasser war warm und roch unangenehm nach Benzin und Firnis; in jedem andern Augenblicke würde es uns ekelerregend erschienen sein. Alles ist eben relativ auf dieser Welt. Der Fürst war der Genügsamste; er benetzte kaum die Lippen und ermahnte uns, mit diesem kostbaren Naß sparsam umzugehen. Die eintönige Fahrt ging weiter.