»Ammenmärchen zum Beispiel«, fiel er ihr ins Wort, »Ammenmärchen setzt sie in Hirn und Herz; die sollen nur schauen, wie sie fertig werden damit.«

»Das ist wahr«, rief das Mädchen fast jubelnd, als wäre dies die lustigste Tatsache der Welt.

Einstweilen war das das Lustigste auf der Welt, dass er sie so gut verstand. Und mit breitem, wohligem Schmerze fuhr sie fort, wie furchtbar das sei, wenn man das Märchen, das sich auf silbernen Sohlen eingeschlichen hat durch die stets offenen Pforten einer Kinderseele und dessen Saat dort eingewurzelt ist und festgewachsen, herausreissen müsse aus der blutenden Seele.

»Denken Sie, herausreissen aus der blutenden Seele!« wiederholte sie eindringlich, mit einer überzeugenden Geste; schrecklich genug war das – beide konstatierten es, aber beide mit unverwüstlich vergnügten Gesichtern.

Man sprach noch davon, dass es da fast besser sei, die Erkenntnis komme nicht so plötzlich, so mit Schrecken, sondern nach und nach, von selber, etwa wie das langsame Zusammenschmelzen eines Wundermanns aus glitzerndem Schnee. – Aber Schmerz bleibe Schmerz, es sei hier nur die Frage, ob es nicht besser wäre, gleich das Richtige in Kopf und Herz des weichen, jungen Menschen einzuprägen, nichts Falsches, damit durch die nötig werdende Umprägung nichts verloren gehe an Werten.

»Ach, wenn ich so zurückdenke an meine Kindheit«, rief sie lachend und schränkte die Hände hinter dem Kopf, »was gab es da für Wirrnisse und Qualen! Der ganze grosse Zauberapparat von Religion vor einem winzigen Kinderhirn! Ich weiss noch, wie meine feine arme Mutter – die nicht mehr ist – mich tröstete. Denn einmal waren es ein paar Heilige, zu denen zu beten ich vergessen hatte. Da sah ich sie alle im Himmel droben sitzen und weinen und böse sein auf mich. Ein andermal war ich beim vierundzwanzigsten Ave Maria eines Rosenkranzes eingeschlafen, tief und sorglos – da erwachte ich und sah Maria vor Gott Vater stehen, mit dem Fusse auf die Wolken stampfen und hörte sie zornig sagen: ›Es ist unerhört‹. Und Gott Vater hat nach seinen grossen Flüchen gelangt und einen davon hervorgeholt.«

Beide lachten und angeregt davon, fuhr sie fort: »Ein andermal ist der heilige Florian, der ganz zu unterst in der Litanei kommt, von weit hinten atemlos durch den Himmel gelaufen gekommen, bis vor Gottes Thron und hat gesagt: ›Jetzt hat sie mich vierzehn Tage lang vergessen, ich zünde ihr das Haus über dem Kopfe an‹. – Gott Vater hat es ihm nicht verboten; er wollte ihm die Freude nicht verderben, da er doch so gut ist und ihm die Heiligen näher stehen als die Menschen. Und so fürchtete ich mich von dem Tage an und schrie wie besessen, wenn nur die Ladenglocke des Krämers nebenan ging, weil ich glaubte, es habe angeschlagen. Die Mutter tröstete mich damals wieder, wie so oft« – sie seufzte und nickte traurig langsam mit dem Haupte – »als ich ihr's erzählte und lächelte ein wenig dabei, so fein und verhalten; da habe ich hinter ihr Lächeln geschaut und gedacht: das ist am Ende gar nicht wahr, das vom heiligen Florian. Aber gesagt habe ich's niemandem, weil Zweifeln Sünde ist.«

Makassy lachte; er unterhielt sich vortrefflich.

»So anmutige Geschichten wüsste ich nicht zu erzählen: nur etwas ist mir erinnerlich aus diesen Zeiten, aber es ist viel derber und weniger schön. Wollen Sie es hören?«

»Natürlich, und ob!« Sie klatschte vergnügt in die Hände und setzte sich von neuem zurecht.