Ich bin nicht fromm, aber der Abglanz einer göttlichen Gnade lag so überzeugend auf diesem lächelnden Gesichte, dass ich mich gerne vor dem Bilde niedergekniet hätte. Ich war ganz hingerissen; auch dieses seltsame Licht erhöhte noch den ausserordentlichen Eindruck, den die grandiose Majestät einer solchen Kunst so schon erweckt hatte. Ich sah mich um, ich wusste nicht, ob nach dem Lehrer oder den Mädchen, kurz – es fiel mein Blick auf ein kleines Harmonium, das geöffnet dastand und ich rannte in meiner Begeisterung darauf hin und spielte jenes Schumannsche Lied: »Ave Maria«. Kennen Sie es? Können Sie sich gerade dieses Wortes Ave Maria entsinnen? Wie das aufschwillt! Wie es sich erhebt in apotheotischem Schwung, wie es auffliegt und zum Himmel dringt!«

Er sah sie staunend an und sie errötete, weil sie dachte: »Ich ziehe mich ganz aus vor ihm und er sieht mich nackt.« Aber dennoch fuhr sie fort:

»Damals habe ich geglaubt, es müssten alle gleichsam den Hut abnehmen und andächtig mit mir empfinden. – Ich war noch sehr jung«, fügte sie entschuldigend bei, »aber es ist mir schlecht ergangen. Der Lehrer stürzte auf mich zu, die Mädchen hielten mich für verrückt, stiessen sich in die Seiten und lachten. Man eilte aus dem Gotteshaus, in dem solches vorkam. Eine Flut von Vorwürfen und Drohungen. Unbildung, Interessantmacherei, hiess es. Und wenn man auch manchmal ein wenig absichtlich ist und weiss, dass einem der Hut so besser steht und das Lächeln so – da war ich es sicher nicht, Herr Makassy«, versicherte ihm das schöne Mädchen mit seinem ehrlichen, aufgeschlagenen Gesichte, um gleich darauf lustig fortzufahren:

»Nun erfuhren es alle – die ganze Prozession: Vater, Mutter, Lehrer, Rektor, Pfarrer – alle stunden sie mit gesträubtem Haar um diesen erschreckenden Fall herum, der so recht ein Zeichen der niedergehenden Sitten war. Und sie fingen an, die Scheren zu wetzen mit wildem Eifer, klipp und klar! Was war da alles nachzuholen!

Aber so heiter nehme ich's erst jetzt – wo es vielleicht zu spät ist. Damals schämte ich mich sehr. Und diese Scham nahm etwas fort von mir; etwas Ursprüngliches – und – etwas Mutiges. Ich habe begonnen, auf die Menschen zu achten, das macht feige – ich habe begonnen, nach ihrem Lächeln zu sehen, das macht bedenkend. Ob es gut war, – ich weiss es nicht?!

Ach, dieser überquellende, junge Enthusiasmus, der einem so warm übers Herz rieselt – – fast habe ich ihn verlernt, vergessen – – bis jetzt, wo ich etwas Verwandtes erblicke – – wo es mich wie durch den Duft einer bestimmten Blume zurückzieht in meinem Erinnern – bis jetzt, wo ich glaube, ihn leben zu dürfen, ohne missverstanden zu werden.«

Er hatte die Pinsel längst beiseite gelegt; es erschien ihm weit wichtiger, hier zu lauschen. Estella wurde ihm wertvoller mit jedem Augenblick, da er um sie war. Er hatte sich einen Stuhl zurechtgeschoben, ihr gegenüber, und zündete sich mit nie gekanntem Behagen eine Zigarre an. Sie schob ihm einen Aschenbecher zurecht und nahm dazu das abgefallene Deckblatt einer Pfingstrosenknospe. Für diese kleine Aufmerksamkeit dankte er ihr viel zu stark – aber es war darinnen von dem Dank für alles, was sie ihm gab.

»Reden Sie weiter, ich bitte darum«, sagte er, und wunderte sich, wie ruhig es in ihm wurde, wenn sie sprach.

Lachend, mit erregten, roten Wangen rief sie:

»Das vorher war eine Geschichte von dem, was einem die Erziehung nimmt. Nun käme eine von dem, was sie dafür gibt. Da weiss ich aber keine!«