Ein wenig verfielen sie auf ihre gestrige Unterhaltung, aber mit Grazie sprang sie über das Verhängnisvolle darin weg und verplauderte es vollends ganz.

Wieder erzählte sie ihm vom Haus und Schule und er lockte sie immer mehr aus sich heraus und bat sie zu reden »damit er sie auch von innen sehe.«

Sie hatte ihr ganzes Leben sorgfältig zusammengerafft und war sich selbst nachgegangen bis in die tiefsten Winkel, darum wusste sie Bescheid und war klar und geordnet und hatte nicht das Zerfahrene, Unsichere, wie oft ihr Alter, das über die eigene Unordnung stolpert und sich die Köpfe zerschlägt. Aber sie war sich mit ihrer Wohlordnung oft kalt und vernünftig erschienen neben denen, die da irrten und lachten und weinten. –

»Jetzt muss ich Ihnen noch etwas erzählen, eine kleine Episode aus der Schule«, sagte sie, »die müssen Sie auch wissen.«

Er nickte eifrig mit dem Kopfe und lächelte ihr aufmunternd zu.

»Also, es war einmal«, begann sie mit grossem Pathos – »nein, nun im Ernste – es ist nämlich eine sehr ernste Geschichte, die ich Ihnen da erzählen will. Auslachen ist verboten! Also: Wir Schülerinnen sind einmal von unserm Lehrer für Kunstgeschichte hinausgeschleppt worden aufs Land, um durch Anschauung den Hort unseres Wissens noch mehr zu bereichern. Es war irgendwo ein kleines Kirchlein aus alter Zeit, von interessantem Stil, in demselben aber eine Kopie nach Rubens, das Bild eines hervorragenden Malers, der es aus Dankbarkeit oder sonst einem Grunde gestiftet haben mochte.

Zuerst also haben wir von aussen geschaut – ›es kostet die Fahrt allein 2,50 Mark, vertieft euch‹, sagte der Professor, ›dass es nicht umsonst ist‹. Wir vertieften uns also um 2,50 Mark und es war sicher sehr lehrreich. Dann sind wir hineingetreten. Unten im Schiff der Kapelle waren einige Betende, trotzdem kein offizieller Gottesdienst war. Da wir ganz zurückstanden, konnten wir nicht vorsehen zum Altar, obwohl helles Tageslicht zu beiden Seiten durch hohe, weite Fenster hereinfiel.

Ich ging«, fuhr sie, lebhafter werdend, fort, »auf den Chor hinauf, die andern kamen nach. Da trat ich ganz vor und schaute neugierig auf den Altar.

Das Auge musste sich erst ein wenig sammeln, es flimmerte so von natürlichem und künstlichem Lichte und erst allmählich hob sich aus diesen Nebeln ein ach – wunderseliges Bild!

Es war die heilige Jungfrau, hoch und schlank, in Wolken halb stehend, halb schwebend, mit einem Antlitz – so glänzend, so beseeligend und was das Merkwürdigste war – so lebendig, dass man sie schweben sah, dass man ihren Atem zu spüren glaubte, und dieses Wehen von Weihrauch und Kerzenschimmer als ihrem Munde entströmt wähnen konnte.