»Was gäbe es da alles zu verderben, zu vernichten!« schoss es ihm blitzschnell durch die Sinne. »Ich sehe gar nichts; ich sehe blos einen blauen Himmel und einen grünen Baum«, sagte er störrisch.

»Dass der Himmel blau ist, der Baum grün und der Tag hell, das ist eben die Freude!« erklärte sie eindringlich und dachte: »willst du es denn gar nicht sehen?«

»Schauen Sie nur näher hin«, lachte sie ihm eifrig zu. »Sie müssen nicht darüber wegsehen – so übersehen Sie alle Freude! – Mehr kann ich Ihnen nicht bieten!«

»'n bisschen schmale Kost!« rief er. »Vielleicht werde ich noch Lehrmeister und lehre Estella die Freude.«

Und die schweren, verhaltenen Augen wurden durchbrechend und werbend, wie vorher beim Singen. So verheissend, dass um sie her der freundliche Tag verblasste mit seinen liebenswürdigen Gaben.

Das Mädchen wendete sich ab; weg von ihm; ging nach einer Weile zu einem Fliederbaum, riss einen üppigen Blütenzweig herunter, dass die aufblitzenden Tropfen ihr auf Gesicht und Haare fielen und gab ihm ohne ein Wort den feuchten, duftenden Flieder hin. –

Über den Kies her kam der Onkel mit seinem rechtschaffenen Gesicht, ein wenig gebeugt schon für seine Jahre. Sie rief ihm entgegen, dass sie Herrn Makassy eben einen Flieder geschenkt habe für sein einsames Atelier. Beide aber fühlten, dass es sich nicht ganz so verhielt. Der alte Brand, der gerne gab, riss sogleich noch mehrere Zweige ab und reichte sie ihm hin.

Estella sah, wie Makassy sorgfältig den ihren eigens legte, nur störte sie dabei ein wenig, dass er dazu nach ihr hinsah, als wollte er sagen: wunderst du dich nicht auch, wie ich bin – so wie ich mich wundere?

Man sprach noch einiges mit dem Hausherrn; dann trennte man sich.

Als Estella abends allein in ihrem Stübchen war und bevor sie zu Bett ging, die Blumen versorgte und nach ihren Sachen sah, war dies alles an sich nicht mehr von solcher Inhaltlichkeit und solch' ausfüllendem Werte als sonst. Sie machte es gleichsam rasch ab: den Abend, das Ordnen, das Schlafen, den Morgen und Vormittag – bis der Nachmittag da war.