»Freilich tat ich das. Ich habe an mir gearbeitet – ach nein, Makassy, es ist gar nicht wahr«, unterbrach sie sich hastig, »es war dies kein so eigentliches ehrliches Arbeiten, als vielmehr ein kluges, vorsichtiges Abwägen der Dinge, die mir wohl oder wehe tun würden im Leben und ein eifriges Festhalten des Klügeren. Des Klügeren, nicht des Besseren, hören Sie? Was das Klügere ist, weiss ich; was das Bessere ist, weiss ich nicht. Wer könnte mir sagen, was das Bessere, was das Rechte ist? Heute weiss ich es weniger als je«, fügte sie zaghaft hinzu, um fortzufahren: »Ich bin weit herumgelaufen und habe gesucht und gefragt und geprüft – und habe es nicht herausgefunden. Ich liebe die festen, sicheren Menschen so sehr. Wie sie daherkommen, die Selbstsicheren, in breiter Selbstverständlichkeit und wissen, was recht ist – und es den andern sagen. Und wie sie vor den Richter laufen und klagen über die, die es nicht glauben. Woher wissen die es denn, was das Rechte ist? Ich bewundere sie, ich beneide sie. Lauter Majestäten gegenüber den Suchenden, Unsicheren.«

»Über Sie, Estella«, sagte er weich, »sollte einmal etwas kommen, etwas Starkes, das Sie über sich hinaustrüge, fort über alles Zweifeln und Besinnen. Dass nur ein heisses, heftiges Wollen in Ihnen wäre, das sich aufbäumte in Trotz und ureigenster Majestät. Dann würden Sie sagen können: das ist das Rechte, weil es so sein muss und nicht anders sein kann.«

»Das möchte ich – das möchte ich!« rief sie sehnsüchtig. »Ob ich dessen fähig bin? Ob ich mich nicht schon zu viel besonnen habe im Leben – zu viel besonnen – – – verbesonnen – –?«

Sie hatte sich zurückgelehnt und nahm sich vor – auf das Mächtige zu warten. Wie wollte sie aufpassen, es nicht zu übersehen, falls es käme; und damit es überhaupt nahen könne, musste sie zugänglicher werden, anders als bisher.

Noch übersah sie, dass es schon neben ihr stand, gross, unabwendbar!

Hand in Hand mit ihrem Innern ging auch sogleich das äussere Gebahren. Sie wollte sich von jetzt an recht locker lassen, recht gehen lassen und sogleich damit beginnen. Sie setzte sich nachlässiger hin als sonst, liess sich auf der Bank vorgleiten, stellte die Beine leicht gekreuzt geradeaus, verschränkte die Arme im Nacken und lag so im blanken Sonnenschein in all ihrer Jugendpracht vor ihm da und – wartete.

Das kam von ihren zwanzig Jahren, dass sie so war. »Schön ist's übrigens, wenn man sich lockerer lässt, nicht gar so straff!« dachte sie.

Eine unaussprechliche Behaglichkeit schien über sie gekommen zu sein. So dachte sie sich den Anfang.

Makassy sah zu ihr hinüber, insbesondere nach den herben Formen dieses jungen Leibes, die durch das prall angespannte leichte Sommerkleid preisgegeben waren und konnte sich nicht losreissen von diesem köstlichen Ebenmass. Auch staunte er über den Wechsel der Stimmung, den er an ihr gar nicht kannte – und er begann ihn aufzuregen. Erst wenig, dann mehr und immer mehr.

Warum war sie so verändert heute? Warum? Zerstreut malte er an einem Zipfel des blauen Kleides und dachte immer im Kreis herum.