Wird er nicht bald fordern kommen, dass auch sie gebe, war er nicht schon gekommen und wird sie dann geben können?
Es fiel ihr ein, wie sie sich heute hinausmühte über sich selbst, wie sie einmal förmlich zu ihm hinschrie – es war am letzten Teil des Heimwegs, als schon das alte Städtchen in seinem Abendfeiern vor ihnen auftauchte, unweit dem roten Tore – da hatte sie hingeschrien zu ihm:
»Sieh, die Sonne ist fortgegangen!«
Es hatte wahrhaft deklamatorischen Schwung und polterte wertlos und unbeholfen durch den leisen Abend. Wie verkehrt das war. Sie hatte es an seinem Gesichte deutlich gesehen, wie es irritiert aufzuckte.
Sie musste lachen und schämte sich ein wenig dahinter – und lachte dennoch – und Tränen stiegen ihr in die Augen – – und Tränen fielen über die Wangen – – – und aus dem Lachen war ein Weinen geworden.
An einem der kommenden Tage war es, dass zwei Ereignisse dieses äusserlich so ruhig fliessende Leben durchkreuzten. Als Estella am Abend mit ihrem Onkel beisammen sass, er sehr heiter und wortreich, sie mit einem schwer verhaltenen, übervollen Herzen, nur mit Anstrengung Worte der Erwiderung findend, erinnerte er sich plötzlich, dass die eingelaufene Tageskorrespondenz noch durchzusehen sei.
Das Mädchen brachte sie ihm und riss in Gedanken schon geizig die Zeit ungestörten Nachdenkenkönnens an sich.
Es gab so viel zu denken, zu entwirren, – umzubilden, aufzubauen. –
Sie sah sich in einem fremden Lande, kannte die Wege nicht, vermochte sich nicht zurechtzufinden, – – und wusste keinen Rat.