Doch beim Eröffnen des zweiten Briefes schon sagte Brand erfreut:

»Denke, Estella, Thieben will kommen!«

»Was will er denn?« rief sie auffahrend. Nichts hätte ihr störender sein können in ihrer neuen heimlichen Welt. Sie glaubte, dass der Ungerufene in ihre Kreise treten würde, sie sah ihn traurig wie bei einem Sarge bei dem Feste ihrer Liebe stehen.

Sie fühlte seine klagenden Augen beschwerend auf sich ruhen, sie hörte ihn händeringend sagen wie einst: »Es ist nicht gut, es kann nicht gut sein!«

Sie sah ihn im Geiste schon steif und stämmig wie einen Pfahl mit seiner rechten, geraden Art neben dem sturmgepeitschten Manne stehen und nebendort den Onkel mit Verkündermiene bei solch' sinnfälligem Unterschiede.

Erstaunt sah Brand in das zornige Gesicht seiner Nichte. Jetzt erst wusste er es, dass für Thieben nichts zu hoffen war. Und dem Fernen schlug in dieser Stunde ein warmes Freundesherz.

Lange und eindringlich redete der alte Mann zu ihr. Oft gesprochene Worte, im Wind verhallt: Von dem Werte solchen Besitzes, von dem Werte einer abgeklärten Natur, von Beruf und Lebenszweck und dem kostbaren Gut der Treue.

Aber der gequälte Ausdruck in dem sonst so ruhevollen Antlitz des Mädchens liess ihn verstummen.

Ein anderer Gedanke stieg in ihm auf, eine trübe Ahnung, die auf dem Spaziergang neulich ihn zum erstenmal beschlichen hatte, und hastig musste er noch einmal den Mund auftun und fast drohend hinzusetzen:

»Den Frieden musst Du suchen, Mädchen, den Frieden der Seele«, und schwer aufatmend, sich über den Tisch nach ihr hinüberbeugend: »Du bist auf falscher Spur!«