Erregt fiel sie ihm ins Wort:
»Mich langweilt Euer Frieden; ich suche Kampf, Arbeit, Glanz – ich muss um etwas ringen müssen!! Ach« – – und ihr Antlitz erhellte sich wie die durchbrechende Sonne – »ach, um das Höchste, um eine Seele ringen müssen – dürfen, wie grossartig das sein muss!«
Brand fühlte sich verletzt in seinem ehrlichen Rate und das erstemal, seit sie in seinem Hause weilte, ward es ihm bewusst, dass es nicht sein eigenes Kind war. –
Allein gelassen, eilte sie mit ihren Gedanken zu dem Geliebten. Nicht um zu ruhen in seinen Armen, sondern tätig und tüchtig mit ihm auszuschreiten auf einem weiten mühseligen Wege. Einen langen, bangen Schatten wird sie werfen, die grosse, hässliche Vergangenheit und wir werden weit im Dunkeln gehen müssen – aber dann, dann muss die Sonne kommen.
So schlichtete und ordnete sie und scheuerte alle Stuben blank, bis der grosse Sonntag einst kommen würde.
Am andern Morgen begab sich Estella frühzeitig hinunter in den Garten, wo in der Rebenlaube zum Frühstück gedeckt war.
Der Onkel, der sie gestern Abend so kurz verlassen hatte, begrüsste sie auch heute knapp und mit Zurückhaltung und streifte dabei nur flüchtig mit den Blicken ihr Gesicht. Nach einer Weile erst wurde er freundlicher und legte etwas Verzeihendes in sein Verhalten.
Sie liess beides unbeachtet, denn ihr lag der kommende Tag schwer genug in allen Gliedern.
Mechanisch begann sie in ihrer Tasse umzurühren und sah vertieft nach einem nassen, zerfallenden Stück Zucker.