Als er aber nach zwei Monaten einen Brief ähnlichen Inhaltes vom alten Brand erhielt, nur mit dem Vermerk, dass sie sehr wenig zu sich nehme und immer stiller werde – da hörte er die Not um Hilfe schreien – und entschloss sich zu einem Wagnis. Hier musste eingegriffen werden, gleichviel um welchen Preis.

Er forschte die Adresse des Malers Makassy aus und erhielt sie nach vielen, mühseligen Schreibereien. Hierauf schickte er eine grosse Summe Geldes, die indess retourniert wurde, an ihn, mit der Bitte, das Porträt Fräulein Brands an die Adresse des Privatier Brand abzuschicken. Zugleich gab er an letzteren einen dicken, festverschlossenen Brief auf, in dem er alles erklärte, wie er es sah und was geschehen müsse. Erschüttert müsse ihre Seele werden, ihren Bann zu lösen, – aufgerissen müssten erschreckend rasch geschlossene Wunden werden, sie zu heilen. – – –

Es währte keine Woche, als Estella eines Abends wieder wie immer gleichmütig in ihr Zimmer hinaufging.

Die alte Magd, die ihr geleuchtet hatte, zündete das Licht an und schlüpfte hinaus. »Die wird Augen machen,« dachte sie im Gehen. –

Estella war allein.

Langsam begann sie, sich zu entkleiden und durch die dadurch verursachte leichte Bewegung fühlte sie auf einmal einen feinen Duft durchs Zimmer wehen – – – vorüber an ihr – – – wie eine ferne, weite Erinnerung. – – – –

Sie lauschte auf – angstvoll – mit gespannten Sinnen – – war das nicht der wohlbekannte Terpentingeruch – – – aus Sommerszeiten – – – – – Gequält sah sie um sich – – – und ihr starres Auge blieb wie entgeistert auf ihrem eigenem Bildnis liegen, das fast erdrückend gross und schwer in dem kleinen Raume von der Wand hing. – – – – –

Da vollzog sich eine furchtbare Umwandlung in ihr. –

Dem alten Manne, der draussen vor der Türe wachte, zitterten die Kniee; er presste stumm die Hände in einander. Und als er endlich, weit nach Mitternacht drinnen das erste Aufschluchzen hörte, da liefen auch ihm die Tränen über die zuckenden alten Wangen.

Seine Zeit war gekommen; vorsichtig öffnete er die Tür, trat leise zu ihr – aber es dauerte lange, lange – bis er das erste Wort zu sprechen vermochte.