Alle Wege waren gleich lang. Alle Gegenstände gleich schwer. Alle Farben gleich trübe. Alle Klänge gleich dumpf. Die Welt rauschte vorbei an ihr, sie hörte sie nicht.

Ihre sonst so flinken Augen blieben stehen wo sie gerade standen – interesselos, bis irgend etwas anderes in ihren Sehkreis trat, sie ein Stückchen weitertrieb und sie wieder stille standen. –

Der alte Brand kam von der Reise zurück; sie redete mit ihm wie mit allen anderen. –

Ein junges Mädchen, eine Altersgenossin von ihr, war in dem kleinen Städtchen plötzlich gestorben an einer akuten Erkrankung. Alles wallfahrtete zum Kirchhof, war ausser sich und rang die Hände; die Mädchen insbesondere wollten sich die Augen aus dem Kopfe weinen.

Estella vergoss keine Träne. Lang und steif stand sie am offenen Grabe. »Die verdorbene Person,« sagten die Leute. –

Ganz deutlich sah sie es, wenn manchmal ein Blick länger auf ihr weilte.

»Suche nur,« dachte sie, »Du findest doch nichts, finde ich ja selbst nichts mehr. – Ich habe gar nicht gewusst, wie still es auf der Welt ist.«

Brand schrieb an Richard von Thieben, dass Estella so vernünftig geworden sei: Der Maler Makassy habe die Stadt verlassen, aber sie rede nie von ihm. Es sei ihr auch ganz gleichgiltig gewesen, ob sie oder er das Porträt behalten sollte, als man ihr die Frage vorlegte. Da habe er es mitgenommen. »Wahrscheinlich ist es ihr nicht hübsch genug, denn eitel sind sie doch alle« hiess es in dem Briefe. Thieben aber, der dieses Schreiben am Morgen erbrach und las, sass Mittags bereits im Zuge, der ihn an die württembergische Grenze bringen sollte. Er fand keine Ruhe, er musste sie selber sehen.

Aber auch er fühlte sich in ihrer Nähe beruhigter. In ihren Augen fand er auf eine stumme, bange Frage keine Antwort; wie eine stille, graue Mauer standen sie vor ihrer Seele.

So reiste er zuwartend wieder ab.