Da drehte sich der Kutscher langsam nach ihr um, ob es schon gleich wäre.
Die anderen Wagen, die voraus waren, hielten an, entleerten sich und es entstand ein grosser Kreis von jammernden und tröstenden Gestalten, ein Erklären, ein Fragen. Der vermeintliche Sündenbock stand immer noch stumm in der Mitte, schüttelte den Kopf, als rechnete er die Kinder zusammen, die er zu versorgen habe, und verweigerte jede Auskunft.
Da drang durch die Versammlung ein Aufkichern. Alle Köpfe flogen nach der Richtung, staunend ob dieses neuen Phänomens und man konnte eben diese wilde Berta, das frische, rotwangige, jüngste der Mädchen seitwärts stehen sehen, das Taschentuch vor das Gesicht gepresst, berstend schier vor lauter Lachen. Es war ihr Werk! Sie hatte einfach aufgeschrien, die andern ein wenig zu erschrecken und auch, – weil das Schreien so lustig ist, und – welche Wirkung!
Durch die erhitzten Köpfe fuhr ein plötzliches Aufdämmern. Erst Beschämung, dann Ärger und endlich ein mildes Gefühl gegen die junge Missetäterin, – da es doch so gut abgelaufen war, nachdem man dem kalten Tod ins Auge geschaut. In schöner Dankbarkeit für das wiedergefundene, warme Leben sagte man gediegene Worte von Verzeihen zu ihr, aber niemand mehr wollte den unartigen Backfisch bei sich im Wagen haben. Der Vater desselben sagte einiges Strenge, Verweisende, wie es sich für einen würdevollen Mann geziemt, der stark in seinen erzieherischen Grundsätzen zu sein hat; aber fast wäre dabei dem warmen Menschen ein inkorrektes Lächeln entschlüpft. Hatte er doch vor diesem Zwischenfall schon das unruhige Fünklein in des Mädchens übermütigen Augen gesehen und hatte es nicht gelöscht, bis es immer unternehmungslustiger aufblitzte und herausstach und auf einmal lichterloh brannte – da war es zu spät. –
Alles stieg wieder ein, nur Berta musste zur Strafe auf den Bock zum Kutscher sitzen, der indessen aus seiner Betäubung aufgewacht und es nun nicht unzufrieden war, mit einem so jungen, schmucken Ding zusammenzusitzen. In unbeholfener Galanterie breitete er ihr die Pferdedecke auf den Sitz.
»Das wäre gut hinausgegangen,« dachte er schmunzelnd im Fahren, als er einmal über des Mädchens dicke, pralle Zöpfe wegsah. –
So fuhr man durch dies weite Land; durch Buchenwälder, durch Felder, deren lange Ackerfurchen wie träge Schlangen über den Hügeln lagen und in weichen Windungen und Bogen sich wohlig sonnten in dem flimmernden Maienglast, der über der aufblühenden Erde stand.
Die Unterhaltung floss wieder in alten, behaglichen Bahnen seicht und sorglos dahin. Die Mädchen sangen Lieder und schielten dazu ein wenig nach dem fremden jungen Mann hinüber, weil er so gar nicht nach ihrem Geschmack sein wollte. Keine seiner Fragen oder Antworten schien ohne irgend eine Absicht und gar das abgestossene Lachen klang unangenehm, denn es entbehrte wahrer Heiterkeit, des ansteckenden Reizes – im Gegenteil, wenn es auffuhr, verstummte allsogleich jedes andere frohe Lachen. Irgend etwas hatte der vor; das glaubten sie zu fühlen. Allein um Skizzen zu machen, blieb der nicht in so kleiner, weltabgelegener Stadt. Was trieb ihn dazu? Doch da dies heute nicht mehr zu entscheiden war, vergassen sie ihn wieder.
Später verliess man die Wagen und wanderte langsam den Ruinen zu, die aus sagenseliger Zeit Grüsse in die Gegenwart schickten. Gleich einer schönen Fee, so geheimnisvoll, wundersam und unnahbar schwebte das Märchen über sie hin, und der Saum ihres Schleiergewandes streifte die zerborstenen Mauern.
Nur eine war zurückgeblieben und mischte sich nicht in das allgemeine leere Gerede; Estella Brand. Ihr war es zu schön ringsum und des Fremden weitausschauendes Auge hatte sie unbewusst fortgewiesen aus der engherzigen Umgebung.