Sie ging so für sich hin – wie in lauter rosigen Wölkchen, denn das dünne, faltenreiche, rötliche Kleid umflatterte und umblähte fortwährend den schlanken Leib. Wie sie so ging und die schmalen Füsse aufsetzte, das war prachtvoll anzuschauen. Es war der Gang einer Königin. Stolz und sieghaft der Tritt. Flüchtig und leicht das Schreiten. Sah man sie vor einem dunklen Walde gehen oder weitete sich hinter ihr die helle Landschaft, immer hob sich diese Mädchengestalt triumphierend als ein eigenster schöner Schöpfungsgedanke glänzend davon ab.
Der Maler, der sie bis jetzt absichtlich unbeachtet gelassen hatte, kam zu ihr und redete allerlei Äusserliches, was so ein erstes Begegnen mit sich bringt. Aber nicht lange; dann machte die Unterhaltung jenen unbemerkten Sprung ins Subjektive, von wo aus sie nicht mehr zurückfinden kann. Dabei sah er sie unausgesetzt an, dass sein beharrlicher Blick sie bald belastete.
Sie ging ohne Hut und die losen Waldlichter trieben ihr ausgelassenes Spiel auf dem hellen, flimmernden Haar und Antlitz, bis der Schatten irgend eines grossen Blattes oder Zweiges es auf Augenblicke einstellte. Diese wechselnde Beleuchtung brachte etwas Schwankendes, Verschwommenes mit sich und verwischte die festen, sicheren Linien. Der Künstler hatte das Empfinden einer in nächster Sekunde zerrinnenden, schönen Vision. Wenn Estella sich vom Boden weggehoben hätte, aufgeflogen und dem Waldesdickicht entschwebt wäre, er hätte nicht aufgeschrieen; es wäre etwas Erwartetes gewesen.
Und der Wille entstand in ihm, festzuhalten.
Er wich nicht mit seinen Augen und fühlte immer mehr, dass ihn diese eigenartige Schönheit beschäftigen würde. Wie gerne liess er das geschehen; es kam ihm gerade recht in seiner Übersättigung und Langeweile; es sollte eine seiner köstlichsten Episoden werden.
Dreister und deutlicher wurden seine Blicke und legten sich lähmend über sie. Selbst ihr leichter Gang litt darunter. Er wurde schwerer, tastender. –
Da blieb sie plötzlich jäh und unvermittelt stehen und sah ihn fest und ruhig an. Hierin lag so viel Selbständigkeit, so viel unbequemer eigner Wille, dass er stutzte. Sie war stark und wehrte sich, bevor man nach ihr langte; sie hatte vorsichtig Lichter um sich gestellt, damit sie niemand streife, die Reine, Feine.
Etwas wie Scheu empfand er, sie sah es an seinem Gesichte und wollte schon froh sein darüber, doch kam er ihr zuvor und schnitt diese Freude kalt entzwei. In sein ganzes Gebahren legte er etwas so Wegwerfendes, Rücksichtsloses, dass es sie verletzte; und diese Demütigung fiel in ein junges, eitles Herz, schlug Lärm darinnen und schrie nach Rache.
Zuerst besann sie sich ein wenig und lachte leise vor sich hin, zuversichtlich. Dann liess sie eine Verwandlung mit sich vorgehen.
Sie hob sich gleichsam auf die Fussspitzen, neigte sich um, hinüber in all' ihr leichtes, lichtes Wesen, breitete die Arme aus, reckte sich aus der eignen Schwere, lockte sich in ein Tanzen hinüber, und wirbelte ihm all' ihre keusche Grazie vor seine Seele.