Sie erzählte und lachte und sang in den Himmel hinauf, Da war nichts Gekünsteltes mehr, sie war ganz sie selbst geworden und fühlte sich frei und herrschte. Und dies Bewusstsein berauschte sie und entriss ihr immer mehr eine sprühende Laune.
Sie sprach von ihrer Kindheit; wie ihr einst die Mutter einen Apfel nahm und sie ein grässliches Geschrei aufschlug, dann aber plötzlich unter wilden Tränen schwieg, weil sie eine Birne liegen sah, die nahm und lachend rief: »Hab i nicht 'n Apfl, hab i doch a Birn!« So sei sie auch geblieben, nur noch viel gescheidter geworden, weil sie jetzt selber wegwerfe, was nicht gut für sie ist. Und wenn sie noch gescheidter werden sollte, wozu doch alle Aussicht wäre, dann lange sie überhaupt nicht mehr nach dem Falschen. Das müsse vortrefflich werden, wenn dann Gedanken und Gefühle einst so quasi wie Äpfel und Birnen vor ihr auf dem Tische liegen würden und sie sich stündlich besinnen könne, was sie davon wegnehmen wolle und was nicht. Dazu ihr Lachen, ihre Leichtigkeit, ihre jungen, schnellen Augen, die wie Waldbäche ohne Tiefe und Schwere über blanke Gedanken rieselten, – man musste es ihr glauben, sie hatte sich in all ihre natürliche Fröhlichkeit hinübergelacht und gedacht und gesungen.
Zuerst hatte er die Augen zusammen gekniffen und hinter ihre Reden geschaut, aber nichts dort gefunden als die Offenherzigkeit einer kerngesunden Mädchenseele. Das entwaffnete ihn.
Die Buchen wölbten ihre jungen, seidenen Blätter über sie und hatten die braunen, alten als knisternden Teppich auf den Boden geworfen. Kuckucksrufe von weit her erhöhten die Einsamkeit des Waldes. Estella verdoppelte ihren Schritt, denn sie waren weit zurückgeblieben von den andern.
»Jetzt kommt sie ab von dem geraden Wege, werden sie untereinander sagen. Sie wissen ja nichts von Estella Brands hellen Augen, die ihn nicht verfehlen können!« rief sie laut und übermütig nach den andern hindeutend und war froh, dass das gesagt war, und fing zu laufen an, dass er gerade zu tun hatte, hinterher zu kommen, und liess ihn allein mit dem hingeworfenen Worte, das ihr so zuverlässig erschien.
»So der grossen Masse nach, das ist sicher der rechte Weg!« rief er ihr spottend nach. –
Der letzte Anstieg zu den Ruinen kam. Träumend von andern Zeiten schauten sie von ihrem Berge über das weite Land. Oben bei ihnen war es wundervoll. Rings umgeben von altem, verwitterten Gemäuer, an das sich einst zaghaft dieser Epheu schmiegte, der es jetzt mit stämmig gewordenen Krallen umklammert und später vielleicht zusammenhalten wird, wenn es vollends Staub und Erde werden will, – hoch auf dem lachenden Hügel, um den sich in kühnen Weiten die köstliche Landschaft bis an des Himmels Ende dehnte, da hob auch die Phantasie ein wenig ihre Flügel und trug aus der Gegenwart fort. Man sah bärtige Ritter mit erzenen Füssen, und feine Frauen mit schleppenden Atlasgewändern und Federnhüten auf den goldenen Locken durch diese einstigen Tore schreiten, die jetzt fast zerfallen waren, in denen Vögel nisteten und Unkraut wucherte. Man hörte grosse, weisse, schlanke Hunde bellen, das Hüfthorn schallen und die Laute schlagen. Man sah aus den geborstnen Fensterbogen, auf dessen Simsen Schlehdorn wuchs und Holunder, sich eine wundersame Jungfrau neigen, mit Geschmeide behangen und langen, schweren Perlentropfen an den feinen, durchsichtigen Ohren.
Auf der zerbröckelnden Mauer, die aussen am Hang herumführte und die einst strahlende Feste umschlossen haben mag, wiegten sich indessen tausend Glockenblumen auf ihren zarten Stengeln im Maienwind. Und wer zurücktrat, bis nichts mehr zu sehen war als diese Mauer und dieselbe gleichsam in der Luft stand, der konnte das Blau der Glocken in dem Blau des Himmels stehen sehen. – Estella hatte es getan und gesehen und rief erfreut:
»Wer zu mir herkommt, der kann was Schönes sehen!« Der Oberamtsrichter und der Pastor kamen, weil sie gerade in der Nähe standen, und schauten und sahen nichts. Sie zeigte es ihnen voll Eifer, als hätte sie den lieben Gott selber zu vertreten; da klopfte ihr der Pastor wohlwollend auf die Schulter und sagte:
»Nun, nun, wir wollen sehen, wann Estella Brand einmal vernünftig wird,« und der Oberamtsrichter, der sich gefoppt vorkam, rief brüsk: