»Dazu bin ich mir zu alt; wenn man – – – –« schon in Ostende war, wollte er sagen, aber das Mädchen war bereits verschwunden und hatte die beiden allein gelassen.
Alles ging nun den Hügel wieder hinunter, durch die Wälder zurück. In einem Tannenwald, dem letzten derselben, der wieder vor der offenen Landschaft lag, liess man sich nieder, setzte sich auf Baumstümpfe oder legte sich ins Moos, labte sich und sah hinauf in die rauschenden Tannen und hinweg über die maigrünen Erdwellen.
Man ass und trank, die gute Laune wuchs und man sprach davon, wie schön das Leben sei.
»Gar so schön ist es nicht«, dachte der Maler Makassy, der seitwärts sass, bei sich. Weil er über sein Leben zurücksah, darum dachte er das. Da stand sprungbereit auch schon seine Vergangenheit vor ihm, rückhaltlos, unerbittlich, mit boshaft funkelndem Auge und rollte ihre düstersten Bilder grinsend vor ihm auf.
Wie ein Leichenzug glitt es an ihm vorüber mit traurigen, blassen Gesichtern, weinenden Augen und schleppenden Füssen. Die trugen die Hoffnung zu Grabe. Und dann kam das Andere.
Ein wüstes Leben. Liderliche Genossen, halb nackte Weiber. Ateliers mit abgegessenen Tafeln und entblätternden Rosen darauf, die faul und süsslich rochen; dahinter zerwühlte Divans mit zerknitterten Kissen und Decken.
Er roch noch diesen dicken Dunst von Wein, Rauch, Parfüm und Fäulnis. Ach! Und diese erbärmlichen Morgen, wenn über die Reste solch einer schändlichen Nacht das kalte nüchterne Tageslicht fuhr, rücksichtslos, nichts verschonend mit seiner durchdringenden Helle, – wenn der Körper so widerlich schlaff war, der Kopf wie zerschlagen, der Gedanke träge und die Hand schwer, die den Pinsel zu neuer Arbeit führen sollte!
Das Erinnern an solche Nacht kroch gleich Würmern am Leib empor und, wollte man diesen grässlichen Ekel abschütteln, biss er sich fest und sog die letzten Reste der Kraft aus Seele und Leib. Er umklammerte das Herz, dass das Blut stagnierend durch den Körper floss, die Lebenskraft erstickend wie in einem schlammigen Bach. Dieses ermattete Suchen und Tasten gleich wieder erlahmt in Trägheit! Und dabei das zum Wahnsinn treibende Wimmern der begrabenen Seele, die faulen musste und nicht sterben konnte.
Ein grausames Leben fürwahr, eine qualvolle, entsetzliche Marter, ein Fliehen vor sich selbst, ein Rennen und Rasen von Furien gepeitscht – den Tag hindurch – bis der Abend da war und die Nacht – und man mit starrem Entsetzen fühlte, wie das Verlangen wieder kam und die Gier nach Genuss und Betäubung – und wie sich die Sinne umnebelten und anfingen zu tanzen und zu locken – und wie es einen durch die Gassen trieb – wie schon die Hand auf der Klinke lag, kraftlos wurde, – niedersank, – wie die Türe sich öffnete und durch die Spalte Qualm und wüste Lieder drangen und der Branntwein roch – wie es winkte und gleisste – wie man nach heissem Leben rang – lechzte – langte mit gewalttätiger Hand – wie man willenlos wurde, taumelte, irrte, nach dem Falschen griff – und eintrat in die kotige Spelunke – zu betrunkenen Gesellen, die zu den Tieren gingen statt den Menschen – wie man Arm in Arm mit denen sich künstlich hinauftrieb in den Rausch – und wie am Ende die giftigen Wellen wieder über einem zusammenschlugen .......
– – Makassy war hastig aufgesprungen, wie ein wehrlos Überfallener; so feindlich war ihm seine Vergangenheit noch nie gegenübergestanden. Erschrocken sah er um sich und musste erst zurechtkommen mit seiner Umgebung, den Menschen und dem Lande.