Ja, das waren brave, zufriedene Alltagsmenschen aus einer vergessenen, kleinen Stadt mit einer armen, aufgeputzten, hochmütigen Moral, die sie in behaglicher Erbpacht hatten.

Doch die Landschaft da draussen, wie friedvoll die war. Wie die Blumen über den Wiesen lagen und die Bäume auf ihnen standen, wie ein Hügel aufstieg und wie ein Hügel abfiel, wie ein Wald anfing und ein Wald aufhörte, und wie ein Acker begann und ein anderer endete, das war alles so einfach und gross und ruhevoll dabei. Mit Demut sah er hinaus – – da stand der grosse, schöne Friede auf, der über der Welt lag, und gesellte sich zu ihm.

Estella sah dies alles; sie hatte die Qual der Gedanken in diesem Antlitz und die erschrocken von innen kommenden Augen gesehen, die ängstlich die Gegenwart suchten und dann da draussen über den Hügeln etwas Schönes gefunden haben mussten.

Vor ihr lagen viele einzelne Teile, himmelweit verschieden von einander, aber mit der Unzulänglichkeit ihrer Jugend konnte sie deren Zusammenhang nicht finden. Und sie sah das Rätselvolle mit staunenden Kinderaugen und sie sah das Gute darin. Das nahm sie leise auf und legte es schweigend in ihr Herz.


Einige Tage später sass in der eleganten Villa des reichen Privatiers Brand der junge Forstmann Richard von Thieben. Er war gekommen Estella zu sehen und auch sie zu fragen, ob sie die Selbstherrlichkeit ihrer 20 Jahre jetzt noch nicht aufgeben und mit ihm ziehen wolle in das baumumrauschte Forsthaus, das drüben zwischen den Hügeln des Schwarzwaldes lag.

Wie war es ihm wohl in diesem Hause, wo er sie wusste, wo sie an Allem hing, an allen Möbeln und Geräten.

Er hatte eine von den Empfindungen, die wie Gold sind, so blank, solide und schwer.

Der Onkel war ein Rechtlicher, Gerader. Fast ein wenig starr dabei. Mit dem erlaubten Behagen, das ein arbeitreiches Leben gewährt, lebte er die Jahre seiner Ruhe.

Für den Forstmann Thieben hatte er grosse Sympathien. Das ganz Übersehbare seiner Charakteranlage gefiel ihm: da war alles klipp und klar und gab's nirgends dunkle Ecken. Er war vermögender Eltern Kind, gut und recht erzogen, gut und recht geworden. So waren die Thiebens alle, den ganzen Stammbaum zurück; ein reinliches Buch, in dem man nirgends ein Blatt zu überschlagen brauchte. Seit langem harrte er der schönen Estella; er hatte nie um sie gekämpft, sondern wollte einfach warten, bis sie zu ihm kam. Vielleicht wäre es besser gewesen, er hätte sie an sich gerissen mit dem Egoismus einer fordernden Liebe, wenigstens hätte das bei ihr die Energie der Entscheidung ausgelöst. So war sie ein gaukelnder Schmetterling, der nicht gehalten sein wollte und gerne um dies wie um jedes andere warme Licht geflattert war.