Es wurde laut geklingelt, und Stroop, Sassadin und ein junger hochgewachsener Mann traten ein. Stroop warf einen schnellen Blick auf Fjodor und Wanja, die noch immer einander gegenüberstanden.
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen,“ wandte er sich an Wanja, während Fjodor auf ihn zustürzte, um ihm den Mantel abzunehmen.
Wanja sah dies alles wie im Traume und er fühlte, dass er in einen Abgrund hinuntersinke, dass alles sich in Nebel hülle.
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Als Wanja das Speisezimmer betrat, schloss Anna Nikolajewna gerade ihren Satz: „und es tut einem leid, dass ein solcher Mensch sich so kompromittiert.“ Konstantin Wassiljewitsch wies stumm mit den Augen auf Wanja, der ein Buch genommen und sich ans Fenster gesetzt hatte und meinte dann:
„So sagt man da ‚gekünstelt, unnatürlich, überflüssig‘, aber wenn man bei dem Gebrauche unseres Körpers bleiben sollte, der als natürlich gilt, so müsste man mit den Händen rohes Fleisch zerreissen, um es zu verschlingen und Feinde bekämpfen; mit den Beinen Hasen verfolgen oder vor Wölfen flüchten usw. Das erinnert an ein Märchen aus ‚Tausendundeiner Nacht‘, wo ein von der Finalität gequältes Mädchen immerfort fragt, wozu dieses und wozu jenes geschaffen sei. Und als das Mädchen nach einem bekannten Körperteile fragt, da verabfolgt die Mutter ihm eine Tracht Prügel und wiederholt dabei: ‚Jetzt siehst du, wozu dies geschaffen ist.‘ Diese Mama hat zwar die Richtigkeit ihrer Behauptung anschaulich bewiesen, aber damit dürfte die Handlungsfähigkeit besagter Körperstelle schwerlich erschöpft sein. Und sämtliche moralische Erklärungen der Natürlichkeit von Handlungen bestehen darin, dass die Nase geschaffen ist, um grün angestrichen zu werden. Der Mensch muss alle Fähigkeiten des Geistes und Körpers bis zur letzten Möglichkeit entwickeln und nach Verwendung dieser seiner Möglichkeiten forschen, wenn er nicht Caliban bleiben will.“
„Nun, die Gymnastiker können ja schon auf den Köpfen gehen …“
„Das bedeutet in jedem Falle ein Plus und vielleicht ist das sehr angenehm, würde Larion Dmitrijewitsch sagen,“ und Onkel Kostja blickte herausfordernd zu Wanja hinüber, der fortfuhr zu lesen.
„Was hat Larion Dmitrijewitsch damit zu tun?“ bemerkte sogar Anna Nikolajewna.
„Du denkst doch wohl nicht, dass ich meine eigenen Anschauungen entwickele?“