„Bleiben wir,“ flüsterte Wanja, den Arm des Kanonikus drückend, der deutlich sah, wie das lächelnde, erregte Gesicht seines Schützlings sich mit tiefem, sogar im Mondlicht bemerkbarem Rot überzog.
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Sie fuhren in zweirädrigen mit Eseln bespannten Wagen durch die Pforte des Hauses, das schon im XIII. Jahrhundert erbaut war und einen Brunnen im Speisesaal des zweiten Stockes für den Belagerungsfall besass, einen Kamin hatte, in dem sich bequem eine Hütte hätte unterbringen lassen, und eine Bibliothek, Porträts und eine Kapelle beherbergte. Für den Fall, dass es beim Aufstieg kalt sein sollte, brachten Diener Mäntel und Plaids an die Wagen, andere Diener waren mit Mundvorräten vorausgeschickt worden. Aus Florenz waren sie mit der Bahn bis Borgo San Lorenzo und dann mit Pferden an Scarperia mit dem Schlosse und den Stahlwarenfabriken und an Santa Agatha vorbei weitergefahren, und eilten das Frühstück zu beenden, um noch vor Anbruch der Dunkelheit von den Bergen zurückzukehren. Man unterhielt sich nicht, nur das Klappern von Gabeln und Messern und gleichzeitig auch schon das der Kaffeelöffel war zu hören. Sie fuhren durch Weingärten, an Molkereien unter Kastanien vorbei, immer höher und höher auf dem sich schlängelnden Wege empor, es kam dabei vor, dass der erste Wagen sich gerade oberhalb des letzten befand, die südliche Vegetation wurde von Birken, Fichten, Moosen und Veilchen abgelöst und man sah die Wolken schon unter sich. Noch bevor sie den Gipfel des Giuogo erreicht hatten, von wo man, wie es hiess, das Adriatische und das Mittelmeer sehen könne, erblickten sie plötzlich an einer Biegung Fierenzuola unter sich, das wie ein Haufen rotgrauer Steine aussah, und die sich Faënza zu windende Heerstrasse, über die eine altmodische Diligence hinkroch. Der Omnibus machte halt, um eine Frau aussteigen zu lassen und der Kutscher auf dem hohen Bocke rauchte friedlich in Erwartung des Zeichens zum Weiterfahren.
„Wie das an Goldoni, seligen Angedenkens, erinnert! Welch eine bezaubernde Schlichtheit!“ geriet M-me Monier in Entzücken, und liess ihre Peitsche mit dem roten Griffe knallen. Man setzte ihnen in der verräucherten Taverne, die wie eine Räuberhöhle aussah, Rührei, Käse, Chianti und Salami vor, und die Wirtin, ein einäugiges, sonnverbranntes Weib, hörte, die Wange auf die Lehne eines hölzernen Stuhles gedrückt, zu, wie ein Mann mit schwarzen Brauen und grossen Augen, in Hemdsärmeln, einen grün gewordenen Filzhut auf dem Kopfe, den Herrschaften ihre Geschichte erzählte:
„Es war schon längst bekannt, dass Beppo nachts hierher komme . . . Die Carabinieri sagten zu ihr: ‚Tante Pasqua, verschmähe unser Geld nicht, Beppo muss ja doch in unsere Hände fallen.‘ Sie überlegte sich’s und konnte sich lange nicht entschliessen . . . sie ist eine ehrliche Frau, sehen Sie sie nur an . . . Aber Schicksal ist Schicksal; einmal kam er von der Hochzeit eines Landsmannes betrunken zurück und legte sich schlafen . . . Pasqua hatte die Carabinieri früher verständigt und pfiff, das Gewehr und die Messer hatte sie Beppo schon vorher abgenommen. Was konnte er machen? Er war ein Mensch, Signori.“
„Wie er fluchte! Als er schon gefesselt war, schleuderte er diese Bank hier mit den Füssen ins Zimmer, warf sich auf die Erde und fing an sich herumzuwälzen!“ sagte Pasqua mit heiserer Stimme und ihre Zähne und das einzige Auge, das sie besass, blitzten dabei, während ihre Lippen lächelten, als erzähle sie die angenehmsten Geschichten.
„Ja, ja, sie ist ein ganzer Kerl, die Pasqua, wenn sie auch nur ein Auge hat! Noch ein Gläschen?“ forderte der bärtige Mann auf und klopfte der Wirtin auf die Schulter.
„Smurow, Orsini! Gehen Sie bitte rasch nach oben zurück, ich habe meinen Sonnenschirm vergessen. Ihr seid die Letzten, wir warten auf euch! Wie? Was? Den Sonnenschirm, den Sonnenschirm,“ rief M-me Monier aus dem ersten Wagen, ihr lächelndes hässliches rosa Gesicht zurückwendend und hielt ihr Eselgespann auf.
Die Taverne war leer, der noch nicht abgeräumte Tisch, die verschobenen Bänke und Stühle erinnerten an die Gäste, die eben hier gewesen waren, und hinter dem Vorhang, wo das Bett stand, hörte man Seufzen und leises Geflüster.
„Ist niemand da“ rief Orsini auf der Schwelle. „Eine Signora hat ihren Schirm hier stehen lassen, habt ihr ihn nicht gesehen?“