„Was ist dir? Wir müssen doch fliehen! Der Herzog kann jeden Augenblick erwachen, er kann es bemerken. Haben wir nicht ausgemacht bei Jacques zu übernachten, um morgen abzureisen?“
„Lass; ich bin müde,“ antwortete François und schlief ein. Ich steckte die Schatulle in den Sack, wartete eine Zeitlang und begann wieder François zu wecken. Ich sah das Messer am Boden liegen, hob es auf, und besah ob es nicht blutig sei, aber es war rein. Die Kerze war zu Ende gebrannt und begann knisternd zu verlöschen. François sprang plötzlich auf, drängte mich zu Eile und begann in der Dunkelheit nach dem Haustürschlüssel zu suchen. Wir sprachen flüsternd und traten geräuschlos auf. Endlich gingen wir durch den Korridor zur kleinen Haustür, die auf eine Nebenstrasse führte, auf die wir glücklich, ohne von einem der Hausbewohner bemerkt worden zu sein, hinausgelangten. Den Sack schleppte ich. Der Mond schien noch, obgleich es schon hell wurde, und ich atmete erleichtert die kalte Luft ein. So verliessen wir Paris, um unser Glück im fernen und gesegneten Italien zu suchen. Ich war damals achtzehn Jahre alt.
Dritter Teil
Erstes Kapitel
Schon in Paris stellte es sich heraus, dass François, statt der Schatulle aus Palisanderholz, in der der Herzog einen grossen Teil seines Geldes aufbewahrte, eine ähnliche aus dunkelm Eichenholz mitgenommen hatte, in welcher, ausser Rechnungen und Schlüsseln, sich nur eine Summe von Louisdors befand, die gerade ausreichte ohne Sorgen nach Italien zu gelangen, keinesfalls aber uns der Mühe enthob unser Glück weiter zu suchen. Die Schlüssel warfen wir fort, die Rechnungen wurden verbrannt. Nachdem wir weidlich auf unser Schicksal geschimpft hatten, beschlossen wir, da das Geld für ein sorgenloses Leben, sowieso, nicht reichte, es auszugeben, ohne zu geizen. Dieser leichten und angenehmen Beschäftigung gaben wir uns mit einem solchen Eifer hin, dass wir, als wir in Prato angelangt waren, bemerkten, das Geld reiche kaum noch, um nach Florenz zu gelangen und uns dort einzurichten. Dafür aber hatten wir neue Hüte, modische geblümte Kamisols und gefütterte Mäntel, denn der Winter nahte. François’ Mantel war schokoladenfarben, meiner, weil ich blondes Haar hatte, himmelblau. Im Gasthofe am Domplatz bewohnten wir ein Zimmer im zweiten Stock. Neben uns lebten zwei Frauen, anscheinend Italienerinnen. Ich hatte Gelegenheit sie im Korridor zu sehen, als sie zur Messe gingen. Die ältere war klein von Wuchs, hatte eine lange Nase, war ganz in Schwanz gekleidet und schien mir buckelig zu sein, die jüngere, eine etwas magere Blondine, sah mit ihrem bleichen, ein wenig verlebten und schmachtenden Gesichtchen, in einem bescheidenen rosa Fähnchen ganz anziehend aus.
„Habe nichts Besseres zu tun, als jeder Herumtreiberin meine Aufmerksamkeit zu schenken,“ antwortete mir François, als ich ihm meine Beobachtungen mitteilte. Abends ging er mit einem Florentiner, dessen Bekanntschaft er schon unterwegs gemacht hatte, und die er sehr schätzte, weil er glaubte, später aus ihr Vorteil ziehen zu können, in die nächste Taverne. Ich ging nicht mit. Zu Hause horchte ich auf das Geräusch bei unseren Nachbarinnen.
Durch die dünne Bretterwand konnte man hören, dass die Frauen sich anschickten, zu Bette zu gehen. Die Alte brummte laut und schimpfte auf italienisch, die Junge trällerte vor sich hin, während sie, augenscheinlich beim Auskleiden, auf und ab ging, denn von Zeit zu Zeit hörte man, wie Kleidungsstücke aus einer Ecke des Zimmers in die andere geworfen wurden. Ich hustete, der Gesang verstummte, man begann leiser zu sprechen, lachte über irgend etwas, dann wurde an die Wand geklopft, ich tat dasselbe. Darauf wartete ich eine Weile. Als ich hörte, dass im Nebenzimmer alles still geworden war, entkleidete ich mich, und legte mich, ohne die Rückkehr des Marquis abzuwarten, zu Bett. Ich wurde von einem entsetzlichen Lärm geweckt; aus dem Korridor drang Weibergeschrei zu mir herüber, dazwischen die Stimme François’. Im Gang war Licht. Ich steckte, ohne mich anzukleiden, meine Nase durch die geöffnete Tür.
Die Alte aus dem Nebenzimmer drang in einem Deshabillé, das sie durchaus nicht schöner machte, auf François ein, der ohne Gilet und Schuhe, in grösster Unordnung des übrigen Anzuges sich gegen unsere Tür zurückzog; einige Frauen im Häubchen und Männer in Nachtmützen standen mit Kerzen in den Händen im Korridor, aus dem Nebenzimmer klang Schluchzen herüber. Die Alte schrie:
„Es gibt ein Gesetz! Es gibt eine Ehre! Wir sind Edeldamen. Wann hat man gehört, dass sich einer in ein fremdes Zimmer einschleicht sich entkleidet und macht, als sei er in einem öffentlichen Hause?“
François meinte, er habe sich in der Zimmertür geirrt und geglaubt, im Bette schlafe sein Freund.