Es war ein Fest, man riss sich förmlich um Gondeln. Meine, die ich sorgfältig gesäubert und mit gewaschenen Teppichen geschmückt hatte, nahm ein Abbate mit seiner Dame. Ich interessierte mich nicht besonders für die Zärtlichkeiten meiner Fahrgäste und beobachtete mehr die vorübergleitenden Gondeln, besonders eine, die sich die ganze Zeit neben uns hielt. In ihr sassen zwei ganz gleich gekleidete Damen, beide mit Perlen geschmückt, jede mit einer gelben Rose im Haar. Sie waren ohne Begleiter, blickten einander in die Augen und lächelten. Die Sonne versank in eine Wolke. Über den ganzen Hafen glitten Gondeln mit Musik. Einige hatten schon ihre Laternen angezündet. Die schwüle Windstille schien ein Gewitter anzukünden. Die Vergnügungen hatten ihren Höhepunkt erreicht, als das Gewitter losbrach. Der Himmel hatte sich ganz plötzlich verdunkelt, es donnerte, ein Platzregen goss herunter, die Musik verstummte, ohne Ordnung eilten die Gondeln dem Kanal zu. Das alles sah der Lust, die eben hier geherrscht hatte, so unähnlich, dass ein Philosoph sich darüber durchaus lehrreiche Gedanken hätte machen können. Aber ich musste vor allem daran denken meine Gondel in Sicherheit zu bringen. In der fürchterlichen Enge hörte ich mit Entsetzen, wie unser Boot krachend an etwas anrannte; ich warf auf alle Fälle meinen einfachen Anzug ab. Und Scham und Nächstenliebe vergessend, war ich bereit mich ins Wasser zu stürzen und meine Passagiere im Boote, das sich bereits mit Wasser zu füllen begann, der Willkür des Sturmes zu überlassen. Da trieb der Sturm wieder die umherirrenden Gondeln zusammen, ich hörte ein neues, noch drohenderes Krachen und sprang — nicht ins Wasser, sondern in die nächste vorbeieilende Gondel, wozu ich natürlich nicht so nackt zu sein gebraucht hätte. Die Damen im Perlenschmuck und mit den gelben Rosen hatten sich aneinandergeschmiegt und waren bleich.
„Entschuldiget, Signorine!“ rief ich aus, als die Gondel sich unter meinem Sprunge auf die Seite neigte. Sie schrien gleichzeitig leise auf, es war, als hätte sie mein unerwartetes Erscheinen und der Anblick, den ich bot, erschreckt. Dann drängten sie ihren Gondoliere zur Eile.
Zehntes Kapitel
Nackt, wie ich war, wurde ich durch eine Reihe von, dem Anschein nach, nicht geheizten Gemächern mit vernagelten Fenstern in ein kleines Zimmer geführt, in dem ein Kamin knisterte, dessen flackerndes rötliches Feuer die dunkeln Mauern beleuchtete. Die Damen im Perlenschmuck und mit den gelben Rosen sassen stumm auf einem Sofa an der Wand und sahen einander lächelnd an. Ich schämte mich meiner Nacktheit und fror, deshalb wandte ich mich an die Damen:
„Vielleicht hat einer eurer Diener, meine guten Signorine, ein überflüssiges Gewand, denn ich habe es kalt und bin nicht gewohnt nackt vor Damen zu erscheinen, ohne dass es mir peinlich wäre.“
Sie fuhren fort zu schweigen und, als ich meine Bitte wiederholte, kehrten sie mir gleichzeitig ihre Gesichter zu und blickten mich unverwandt und starr an, so dass es schien, als belebe nur das flackernde Kaminfeuer ihre Züge. Ihr Schweigen machte meine Lage noch sonderbarer und peinlicher. Ich beschloss nicht zu staunen und mir weiter keinen Zwang anzutun, nahm den Mantel, den jemand auf einen Stuhl geworfen hatte, und setzte mich ans Feuer. Eine der Damen sagte leise:
„Den Mantel, lasset den Mantel!“
Aus einem Schrank, der sich als Geheimtür erwies, trat eine alte Frau mit einer Kerze und einer Kanne Wein, sie stellte schweigend beides auf den Tisch, auf dem ein Abendessen gedeckt war, zündete an verschiedenen Stellen des Zimmers Kerzen an und schlug die schweren gelben Vorhänge auseinander, welche ein Bett verhüllt hatten. Ich begann unruhig zu werden.
„Ist Ambrosio zu Hause?“ fragte die eine der Damen.
„Wo sollte er denn sonst sein?“ entgegnete die Alte.