„Schläft Ambrosio?“ fragte die andere der Damen.
„Was sollte er sonst tun?“ entgegnete wieder die alte Dienerin.
„Heute musst du mehr essen, Bianca, morgen bist du an der Reihe,“ sagte die eine Dame.
„Ja, morgen bin ich an der Reihe,“ bestätigte die andere Dame.
„Wozu diesen Mantel?“ fragten dann beide laut zu gleicher Zeit.
Ich hielt es nicht mehr aus, stand auf, warf den Mantel ab, denn ich hatte mich schon erwärmt, und sagte laut:
„Machet das Mass eurer Güte voll, rettet mich, gebet mir ein Glas Wein, ein Stück Brot, um meine geschwächten Kräfte zu stärken.“
Die Uhr schlug zehn, beide Damen gähnten gleichzeitig, begannen, wie nach dem Schlaf, ihre Augen zu reiben und sahen mich erstaunt an, als versuchten sie, sich an etwas zu erinnern, schliesslich sagte die Ältere, die Bianca angeredet wurde, mit tönender Stimme, die ganz anders klang, als ihre frühere:
„Jetzt entsinne ich mich . . . Der schöne gerettete Jüngling vom Meere? Gewiss, Abendessen, Wein, aber nicht den Mantel, nicht den Mantel! Die Frist ist vorüber, wir sind frei! Schwester, welch ein Körper, o welche Vollkommenheit!“
Der Wein funkelte rot in den breiten Gläsern, die kalten, aber würzigen Speisen, die reichlich aufgetragen waren, reizten den Hunger, im Hintergrunde schimmerte weiss das Bett. Die Damen waren lebhaft geworden, mit glänzenden Augen und geröteten Wangen betrachteten sie mich, wie Kinder, und machten naive entzückte Bemerkungen, die mich staunen liessen. Schliesslich gab die Jüngere, Catharina, ihr Haar auflösend, das Zeichen zum Schlaf. Ohne die Kerzen zu verlöschen, brachten wir vor dem riesigen Spiegel im Hintergrunde des Himmelbettes, fast schlaflos, diese lange, für Verliebte allzu kurze Nacht zu.