In der Stimme des jungen Mannes schienen mir feindselige Noten mitzuklingen, weshalb ich mich beeilte ihn so zu unterbrechen:

„Mein lieber und teurer Freund, Ihr täuschet Euch, wenn Ihr glaubet, dass Einfluss, Reichtum und Ansehen mich so unwiderstehlich anziehen. Nur die Möglichkeit mehr Gutes zu tun freut mich bei der Erhöhung meiner Stellung. Und glaubet mir, ich lege mehr Wert auf Eure Zuneigung zu mir als auf das Aufsteigen meiner Ehrenämter.“

Wie man beim Schein der Laternen hinter dem Wasser sehen konnte, war das Gesicht Philipp Ludwigs traurig. Ich wollte ihn trösten, denn der arme Jüngling tat mir wirklich leid, obgleich ich den Grund seiner Trauer bloss vermutete, ohne ihn genau zu kennen, deshalb begann ich von seinen bevorstehenden wissenschaftlichen Beschäftigungen zu sprechen, aber das Gesicht des herzoglichen Bruders klärte sich kaum auf und nur ein fast nicht bemerkbares Lächeln spielte um seine Lippen. Nachdem er meine Worte angehört hatte, sagte er unerwartet:

„Meister, Ihr seid ein reiner Mensch, Ihr kennet die Liebe nicht, das Weib ist Euch fremd, deshalb liegt die Zukunft offen vor Eurem Blick und Ihr fürchtet Euch nicht Geheimnissen auf den Grund zu sehen. Und darum liebe ich Euch!

Und bevor ich noch Zeit gefunden mich zu besinnen, hatte er sich gebeugt und schnell meine Hand geküsst. Verlegen rief ich aus: „Was ist Euch, Prinz?!“ Und ich küsste seine Stirn.

„Nichts, ich bitte Euch, achtet nicht darauf,“ erwiderte tonlos Philipp Ludwig.

„Und dann könnet Ihr Euch in bezug auf meine Person irren; und wenn Ihr mich dann so erblicken werdet, wie ich wirklich bin, so wird Eure Unzufriedenheit mit mir wegen der Euch bereiteten Enttäuschung eine nur um so grössere sein.“

„Nein, Meister, nein, mein Teurer, redet nicht schlecht von Euch, ich kenne Euch besser, als Ihr selbst,“ sagte der Prinz zärtlich und lehnte, wie in Sehnsucht, seinen Kopf an meine Schulter.

Sechstes Kapitel

Es war zum erstenmal, dass die Prinzessin es wagte zu einem Stelldichein zu mir auf mein Zimmer zu kommen. Wenn es auch gefährlicher war mich aufzusuchen, als mich in ihren Gemächern zu erwarten, so wurde das Wagnis doch durch die vollkommene Ungestörtheit während des Beisammenseins selbst reichlich belohnt. Ich hatte einen Geschäftsbrief beendigt und sass vor meinem Pult, auf dem eine Kerze brannte, in einen Stuhl zurückgelehnt. Ich bemühte mich nicht an die nahe Stunde des Stelldicheins zu denken. Ich war weit davon entfemt die Prinzessin zu lieben oder sie zu begehren, durch meine Stellung und eine gewisse am herzoglichen Hofe herrschende Strenge war ich genötigt mich mehr zu zügeln, als ich es gewohnt war, und ich hatte eine gewisse Sehnsucht nach dem freien Leben in Italien und unwillkürlich kehrte ich in Gedanken immer wieder zum Bruder des Herzogs zurück, dessen zärtliche, fast verliebte Ergebenheit mich aufrichtig rührte. Nachdem ich meinen Brief versiegelt hatte, versank ich, den Kopf auf die Hand gestützt, in die bewegungslose Flamme der Kerze starrend, in Nachdenken. Von einem leisen Klopfen an die Tür geweckt, liess ich eine kleine Gestalt in einem dunkellila Mantel, der vom Regen fast schwarz geworden war, ins Zimmer. Es war Prinzessin Amalia. Ich beeilte mich sie an das brennende Kaminfeuer zu setzen und goss ihr ein Glas Wein ein. Glücklich lächelnd, reichte die Prinzessin mir, ohne ein Wort zu sprechen, die Hand, welche ich ehrerbietig an meine Lippen zog. Dann legte ich meinen Arm auf die Lehne des Stuhles, in dem Amalia sass. Sie schmiegte sich an mich und blickte zärtlich und glücklich zu mir auf. Der Wind rüttelte an den Fensterrahmen, über den Mond jagten Wolken, der Regen schien aufgehört zu haben. Es klopfte wieder an die Tür, dieses Mal schnell und fest; Amalia sprang erbleichend auf.