Es ist wahr, dass ein Unglück niemals allein kommt! Mama bemerkte gestern meine Taille und fing an mich auszufragen und ich gestand alles. Ihr könnt Euch Mamas Kummer, Papas Zorn vorstellen. Er schlug mich ins Gesicht und sagte: „Ich habe nie geglaubt, eine Dirne zur Tochter zu bekommen“, dann ging er fort und warf die Tür zu. Mama tröstete sich unter Tränen selbst, so gut sie konnte. Wie Ihr mir fehlet, liebe Tante, Eure Liebkosungen, Euer Rat. Jetzt gehe ich nirgendwohin aus und ich werde keine Gelegenheit haben Euern Mantel einzuweihen. Aber schrecklicher, als alles, ist, dass Jacques unsverlassen hat. Ich bin überzeugt, dass er sich in seine Stadt aufgemacht hat, um den Segen seiner Eltern zu erbitten; wie dem aber auch sein möge, er ist nicht da, und meine Langeweile und Niedergeschlagenheit wird durch seine Abwesenheit nur noch grösser. Mir scheint, dass alle von meiner Schande wissen, und ich fürchte mich ans Fenster zu treten; ich nähe ohne zu rasten, obgleich es mir jetzt schon schwerfällt lange gebückt zu sitzen. Ja, eine schwere Zeit ist für mich gekommen. Wie das Lied singt:
„Plaisir d’amour dure qu’un moment,
Chagrin d’amour dure toute la vie.“
Lebet wohl usw.
Eure Euch liebende
Claire.
2. Juni 172*.
Ihr habet wohl geglaubt, liebe Tante, dass ich schon tot sei, als Ihr so viele Monde keinen Brief von mir erhieltet. Zum Unglück bin ich noch am Leben. Ich will ruhig alles erzählen, was vorgefallen ist. Jacques ist nicht da, möge Gott ihm seine Bosheit vergeben, wie er uns von den Ränken Satans erlöst hat. Am 22. Mai kam ich mit einem Kinde, einem Knaben, nieder. Aber, allgütiger Gott, was war das für ein Kind: ganz behaart war es, ohne Augen, mit deutlich sichtbaren Hörnern auf dem Kopfe. Man fürchtete für mein Leben, als ich mein Kind zu sehen bekam. Mein Kind, wie schrecklich! Desungeachtet wurde beschlossen, es nach dem Ritus der heiligen katholischen Kirche zu taufen. Während des heiligen Sakramentes fing das für die Taufe vorbereitete Wasser zu dampfen an, es erhob sich ein fürchterlicher Gestank, und als die Anwesenden, nachdem der ätzende Dampf sich verzogen hatte, die Augen wieder öffnen konnten, erblickten sie im Taufbecken, statt des Kindes, einen grossen schwarzen Rettich. Mögen wir vor den Ränken Satans verschont bleiben. Könnet Ihr Euch den ganzen Kummer, das ganze Entsetzen und die Freude darüber vorstellen, dass wir nicht völlig ins Verderben gestürzt worden sind. Als man mir alles erzählte, was in der Kirche vorgefallen, war ich wie wahnsinnig. Bei uns wurde eine Messe gelesen und jeden Tag wird mit geweihtem Wasser gesprengt. Für mich werden Gebete um Austreibung böser Geister gelesen. Père Vital riet meinen Organismus vom bösen Samen zu reinigen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ihr würdet mich nicht wiedererkennen, liebe Tante, so habe ich mich in dieser Zeit verändert. Nicht jeden trifft ein solches Unglück. Aber Gott erhalte alle, die ihre Zuversicht auf ihn setzen. Lebet wohl usw.
Eure Euch liebende
Claire Valmont.
*
15. Juni 172*.