Ich danke Euch, liebes Tantchen, für das Wintermäntelchen, das Ihr mir gesandt habt. Wirklich, Ihr seid zu vorsorglich, da Ihr mir Euer liebes Geschenk jetzt geschickt habet, wo wir noch in Kleidern auf die Strasse gehen. Ich erkenne das liebe Tantchen Rosalie sowohl in dieser Aufmerksamkeit, als auch in der Wahl des Zeuges! Wo habt Ihr bloss einen solch prächtigen Stoff gefunden? Hauptsächlich einen mit solchem Dessin? Diese so grellen Rosen mit den grünen Blättern auf goldig-gelbem Grunde sind der Gegenstand der Bewunderung aller unserer Bekannten, die uns besonders besuchen, um Euer Geschenk zu sehen, und ich warte mit Ungeduld auf die Kälte, um diese Pracht einzuweihen. Wir sind alle gesund, wenn wir auch bescheiden leben und uns nirgendwo zeigen. Zu Hause macht uns Jacques viel Spass; das ist ein sehr lustiger, lieber junger Mann, talentvoll und arbeitsam, so dass Papa nicht genug Lob finden kann. Mütterchen gefällt es nicht, dass er nicht zur Kirche geht und nicht fromme Gespräche liebt. Natürlich ist das nicht gut, aber man kann diesen Fehler mit seiner Jugend entschuldigen, um so mehr, als Jacques ein sehr bescheidener Jüngling ist: er treibt sich nicht herum, spielt nicht und trinkt nicht. Noch einmal danke ich Euch, liebe Tante, für den Wintermantel und bleibe
Eure Euch liebende Nichte
Claire Valmont.
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2. Oktober 172*
Teures Tantchen, ich wünsche Euch von ganzem Herzen Glück zu Eurem Geburtstage (es ist doch schon das neunundsechzigste Lebensjahr, in das Ihr tretet!) und wünsche Euch ihn mit weniger dunkeln, weniger gemischten Gefühlen zu begehen, als ich sie eben habe. Ach, Tante, Tante. Ich bin so gewöhnt Euch alles zu schreiben, dass es mir viel leichter fällt Euch ein Geständnis abzulegen, als Père Vital, unserem Beichtvater, den ich doch bloss einige Monate kenne. Wie soll ich beginnen? Und womit? Ich zittere, wie ein kleines Mädchen, und nur die Erinnerung an Euer liebes, gutes Gesicht, das Bewusstsein, dass ich für Tante Rosalie immer noch dieselbe kleine Claire bin, verleiht mir Mut. Entsinnet Ihr Euch, dass ich Euch von Jacques Mobert schrieb, nun also, Tante, ich liebe ihn. Erinnert Euch an Eure Jugendzeit, an Regensburg, an den jungen Heinrich von Monschein und geht nicht zu streng ins Gericht mit Eurer armen Claire, die dem Zauber der Liebe nicht widerstanden hat . . . . Er hat versprochen Vater alles zu sagen und mich nach Weihnachten zu heiraten, aber zu Hause argwöhnt niemand etwas und bitte verratet mich nicht. Wie mir leichter geworden ist, seit ich Euch gestanden habe. Ich liebe besonders seine Augen, die so gross sind, wenn er küsst, und dann pflegt er sich mit den Augenbrauen an meine Wangen zu reiben, was bezaubernd angenehm ist.
Verzeihet mir, liebe Tante, und seid nicht bös auf Eure arme
Claire Valmont.
Ich wollte bloss noch sagen, dass Jacques gar kein Hiesiger ist und in Lachaise-Dieu kennt niemand ihn, wir haben es uns ganz ohne Grund eingebildet. Aber ist das eigentlich nicht ganz gleichgültig? Nicht wahr? . . .
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6. Dezember 172*.