Erstes Kapitel

O ihr birkenumrandeten Strassen, herbstlich klaren Fernen, neuen Gesichter, Begegnungen, spät abends die Ankunft, die Weiterreise am hellen Morgen, des Schwagers lustiges Horn, Dörfer, buschige bunte Haine, Klöster und den ganzen Tag und den Abend und die Nacht die sehen und hören, die mir das Teuerste war — welch ein Glück hätte das sein können, welch eine Freude, wenn ich nicht als ihr Diener mitgereist wäre, der die Pferde besorgte, in der Küche sein Abendbrot ass, im Stalle schlief, und nicht wagen durfte seine Louise zu küssen, zärtlich mit ihr zu plaudern. Ausserdem klagte sie während der ganzen Reise über Kopfschmerz. In Paris erwartete uns am Stadttor ein alter Mann mit Pferden und einer Karosse; er war augenscheinlich schon vorher benachrichtigt worden, denn er fragte uns, ob er die Ehre habe, Madame de Tombel gegenüberzustehen und stellte sich als Abgesandter des Grafen vor. Er führte uns in ein kleines Hotel, das in einem dichten Garten gelegen war. Mir wurde in der Mansarde ein Zimmer angewiesen, aus dem eine geheime Treppe gerade ins Schlafzimmer von Madame führte.

„Dieser Bauernjunge ist ganz dumm, ausserdem werde ich die Tür verschliessen und den Schlüssel an mich nehmen,“ warf Louise, den fragenden Blick des alten Dieners beantwortend, hin. „Aimé war unterwegs unersetzlich,“ fügte sie hinzu, während sie die Kerzen vor dem hohen Spiegel anzündete und uns ein Zeichen machte, hinauszugehen.

Wir fanden oft genug Gelegenheit mit Louise allein zu sein, aber ich war sehr erstaunt, als am Ende des Monats der Alte mir Geld gab, wobei er brummte:

„Der Graf sollte diesem Nichtsnutz, der den lieben langen Tag keinen Finger rührt, nicht noch Lohn zahlen.“

Ich schwieg und nahm das Geld, aber bei der ersten Gelegenheit bat ich Madame de Tombel mir dies alles zu erklären. Sie wurde etwas verlegen, sagte aber:

„Wir haben doch selbst abgemacht, dass es für dich, mein Aimé, praktischer ist, vor den Leuten als mein Diener zu gelten. Das hindert uns doch nicht, uns zu treffen, nicht wahr? Geld aber schadet niemals. Was das Brummen des Haushofmeisters anbetrifft, lohnt es sich darauf zu achten? Immerhin solltest du, um die Aufmerksamkeit abzulenken, dich mit irgend etwas beschäftigen.“

Zu fragen, wie der Graf dazu käme, mir Lohn zu zahlen, kam mir nicht in den Sinn, und bald wurde ich fast zu einem wirklichen Lakai, der sich mit den Dienern der Nachbarhäuser zankte, mit ihnen Karten spielte und in die Kneipen lief, gegen den Haushofmeister grob wurde, ohne dass mich das alles sonderlich bedrückt hätte.

Zweites Kapitel

Die wenig zahlreichen Gäste von Madame de Tombel bestanden aus älteren vornehmen Herren, die zu dieser jungen Schönen kamen, um mit ihr zu Mittag zu speisen, am Kamin zu plaudern oder eine Partie Karten zu spielen. Sie brachen immer zeitig auf. Madame de Tombel selbst fuhr selten, nur um Einkäufe zu machen, am Tage aus. Sehr selten, drei-, viermal im Monat, besuchte sie die Oper. Häufiger als die übrigen war nur der Graf de Chèvreville bei uns. Er war der einzige, der allein kam. Seine Besuche machte er zu verschiedenen Tageszeiten und er durfte auch das Schlafzimmer von Madame betreten. Ich bemerkte, dass Louise nach seinen Besuchen besonders zärtlich zu mir war, aber ich teilte diese Beobachtung aus Furcht vor ihrem Spott nicht mit ihr, wünschte nur im geheimen, dass die gräflichen Besuche häufiger wären. Einmal wurde ich mit Briefen zum Grafen und dem Herzog de Saucier gesandt, bei dem ich noch niemals gewesen war. Louise lud die beiden, glaube ich, zum Mittagessen ein. Ein alter Diener nahm meinen Brief und liess mich im grossen halbdunkeln Vorzimmer auf Antwort warten. Ich setzte mich auf eine hölzerne Truhe. Neben mir sass, in Gedanken versunken, ein blasser junger Mann in einem abgetragenen langen Rock. Er war blond und hatte eine lange Nase. Nachdem er eine Zeitlang so dagesessen hatte, wandte er sein Gesicht zu mir, als bemerke er mich erst jetzt. Dabei fielen mir seine tiefroten Lippen und seine scharfen und zerstreuten, durchdringenden und dabei doch nicht sehenden Augen auf. Er schien mir betrunken oder nicht ganz bei Sinnen zu sein.