Nach dem er mich flüchtig und doch aufmerksam betrachtet hatte, fragte er:

„Sie müssen wahrscheinlich bei diesem Regenwetter noch Briefe austragen?“

„Ja, es ist so, ich muss zum Grafen de Chèvreville.“

„So? . . . nun, wie stehen Sie sich denn mit Ihrem Herrn?“

„Wie soll ich mich mit ihm stehen? Und weshalb nennen Sie den Grafen meinen Herrn?“

„Natürlich macht Ihre Diskretion Ihnen Ehre, mein Lieber, aber unter guten Bekannten sollte es keine Geheimnisse geben und wir wissen doch ausgezeichnet, dass die bezaubernde Madame de Tombel sich, sozusagen, des Schutzes dieses guten Grafen erfreut . . .“

Der Lakai kam mit der Antwort zurück und unterbrach unser Gespräch. Zu Hause erfuhr ich von den Dienern, dass der junge Mann, der sich mit mir unterhalten hatte, ein Sohn des Herzogs, François de Saucier gewesen, den sein Vater für irgendwelche dummen Streiche und aus schmutzigem Geize mit dem Gesinde zusammen hielt. Durch meine Entdeckung erregt, konnte ich drei Nächte nicht Schlaf finden. Ich beschloss, ohne mich zu verraten, alles selbst zu erfahren.

Drittes Kapitel

Am Morgen suchte ich mit dem ganzen Hause den Schlüssel, den ich in meine eigene Tasche gesteckt hatte. Da am nächsten Tage der Schlosser gerufen werden sollte, so musste ich meinen Entschluss noch am selben Abend ausführen, was mir durch den Besuch des Grafen de Chèvreville erleichtert wurde. Als er sich, wie gewöhnlich, mit Madame de Tombel in ihr Schlafzimmer zurückgezogen hatte, wartete ich eine halbe Stunde und stieg die Treppe aus meinem Zimmer vor die bekannte Geheimtür hinunter. Neugierig sah ich durchs Schlüsselloch. Obgleich mein Herz zu springen drohte und es in meinen Ohren sauste, als ich Louise mit dem Grafen in zärtlicher Umarmung auf dem Sofa erblickte, obgleich ich ganz von Entrüstung und Bitterkeit erfüllt war, die durch die Hässlichkeit und das Alter des Grafen noch verschärft wurden, folgte ich dennoch schweigend den Bewegungen der beiden, und erst, als mir der Augenblick günstig schien, drehte ich den ins Schlüsselloch gesteckten und für verloren gehaltenen Schlüssel um.

„Treulose!“ rief ich, ins Zimmer tretend. Louise hatte sich so schnell von der Seite des Grafen entfernt und ihre Kleider in Ordnung gebracht, dass nur die Gründlichkeit meiner Beobachtungen mir nicht gestattete mich als Opfer eines Irrtums zu betrachten.